Der unmögliche Beweis

Donnerstag, 12. November 2009 23:06

Ich gebe ja offen zu, dass ich nicht davon überzeugt bin, dass das Voynich-Manuskript eine Botschaft im üblichen Sinne des Wortes transportiert. Das Scheitern aller Bemühungen um den Klartext ließe sich sehr leicht erklären, wenn es diesen Klartext schlicht nicht gäbe. Ob das »verdammte Manuskript« dabei nun ein »Fake« eines spätmittelalterlichen Quacksalbers oder vielleicht auch etwas völlig anderes wäre, spielte nur eine untergeordnete Rolle, wenn es nur irgend möglich wäre, die Inhaltslosigkeit der Glyphenfolge nachzuweisen.

Leider – ich habe wirklich lange darüber nachgedacht, ob es nicht doch auf irgendeine Weise möglich sein könnte – ist ein solcher Nachweis völlig unmöglich. Im Rahmen eines solchen Nachweises müsste durch Ausschluss aller denkbaren Möglichkeiten überzeugend belegt werden, dass das Voynich-Manuskript keinen möglichen Text in irgendeiner bekannten oder unbekannten Sprache enthält, der mit irgendeinem Verfahren verschlüsselt wurde. Die Anzahl aller möglichen Texte ist zwar nicht unendlich groß, aber deutlich zu groß, um jeden einzelnen ausschließen zu können – zumal wir nicht einmal die Sprache des möglichen Textes kennen. Man stelle sich einmal vor, es handele sich um einen phonetisch notierten bairischen Dialekt, der wegen des engen Kontaktes des Autors zur lokalen Synagoge mit hebräischem und jiddischem Vokabular angereichert wäre, und der wg. d. Häufigk. gew. Wendgn. bei d. Niedersrft. stark, aber f. d. Autor u. and. Bet. noch verstdl. abgek. worden sei…

(Der letzte Nebensatz weist gewisse Ähnlichkeiten zu meinem oft schnell gefüllten Notizbuch auf, ist also gar nicht so absurd – allerdings schließe ich beim Notieren die Abkürzungen nicht mit Punkten ab. Vielleicht sollte ich auch in dieser Form bloggen, um Google Translations einmal eine wirklich harte Nuss zum Knacken zu geben…)

Es ist leicht nachzuweisen, dass das Manuskript einen Klartext enthält. Man gebe das Verfahren zur Verschlüsselung an, kehre es um und erhalte auf diesem Wege einen konsistenten und einer weiteren Interpretation zugänglichen Text! Zugegeben, »leicht« ist angesichts des bisherigen Scheiterns aller derartigen Versuche vielleicht etwas unpassend, aber der Versuch, die Inhaltslosigkeit des Voynich-Manuskriptes nachzuweisen, ist praktsich unmöglich, und im Vergleich dazu erscheint eine Lösung des Rätsels als leicht – so es eine Lösung gibt.

Dass es Gordon Rugg gelungen ist, mit einem vergleichsweise einfachen Verfahren sinnlosen Text zu erzeugen, der entsprechend niedergeschrieben eine gewisse Ähnlichkeit zur Erscheinung des Voynich-Manuskriptes aufweist, belegt nicht, dass das Voynich-Manuskript nur eine sinnlose Folge von Glyphen enthält, sondern nur, dass es eine sinnlose Folge von Glyphen enthalten könnte. In meinen Augen ist das weder eine neue Erkenntnis gewesen (obwohl sich jeder immer darüber klar sein sollte, dass alle Mühe um den Klartext vergebens sein könnte), noch schafft dieses »Ergebnis« genügend tiefe Einsicht, dass es etwas reißerisch als »Lösung« im Scientific American präsentiert werden sollte – zumal ein dort veröffentlichter Artikel für viele naivere Leser (etwa für viele Redakteure in den Wissenschaftsressorts der großen Tageszeitungen und Zeitschriften, und damit folgend auch für die Leser dieser Publikationen) recht unreflektiert zu einer »Wahrheit« wird.

Eines aber ist wahr: Das »verdammte Manuskript« bietet einem Wissenschaftler nur wenig Aussicht auf Erfolg, warnt ihm zusätzlich durch eine lange Reihe kritischer Köpfe, die sich unvorstellbar in absurde Theorien verrannt haben und verspricht zudem, von eher uninteressantem Inhalt zu sein. Auf diesem Hintergrund ist es gar nicht erstaunlich, dass kaum jemand seine beschränkte Lebenszeit für ein Abenteuer aufs Spiel setzen möchte, das sich als Hemmschuh für die eigene Karriere erweisen könnte. Das Hinwegerklären des Manuskriptes als inhaltlose Zeichenfolge scheint auf diesem Hintergrund sehr attraktiv zu sein.

Und wie schon eingangs gesagt: Ich bin selbst nicht davon überzeugt, dass das Manuskript einen »Klartext« im gewöhnlichen Sinne des Wortes transportiert. Ich sehe einfach nur keine Möglichkeiten, die Nichtexistenz eines Klartextes nachzuweisen – und ich habe wirklich darüber nachgedacht.

Meine Auffassung ist allerdings nicht, dass es sich um einen »Fake« gehandelt habe, der in betrügerischer Absicht angefertigt wurde. Für diese Auffassung habe ich ein durchaus vernünftig klingendes Argument, zumindest für mich selbst: Der Aufwand mit dem auffallend konsistenten Schriftsystem und einem erzeugten Text, der auch noch im Computerzeitalter jeden damit beschäftigten Menschen wegen seiner Mischung aus strikter Struktur und überraschender Unregelmäßigkeit verwirren kann; dieser Aufwand war außerordentlich hoch, sehr viel höher als für den Betrug erforderlich. Um jemanden mit einem »Fake« zu beeindrucken und ihm anschließend einen Haufen Goldmünzen aus der Tasche zu ziehen, wäre ein »Gekrakel« mit wesentlich weniger Struktur – verbunden mit Aufsehen erregenden, geradezu außerweltlichen Zeichnungen und einer hübschen Lügengeschichte dazu – völlig hinreichend gewesen. Warum sollte sich ein Betrüger denn unnötige Arbeit machen?

Wer eine gut sortierte Bücherei in seiner Nähe hat, werfe einmal einen Blick in den »Codex Seraphinianus«, der ein völlig sinnloses Buch (und ein großartiges Kunstwerk) ist. Luigi Serafini hat sich für dieses Werk ein bemerkenswert natürlich aussehendes Schriftsystem ausgedacht…

Ein kleines Beispiel...

…das den Betrachter schnell überzeugt; er hat sich ferner eine interessante Notation für Zahlen ausgedacht, die stark strukturiert und verständlich ist. Allerdings ist dieses optisch so überzeugende Schriftsystem bei weitem nicht so konsistent wie das Schriftsystem des Voynich-Manuskriptes und zeigt über den Verlauf des Buches hinweg starke Schwankungen im Aufbau der Wörter und in der Häufigkeit der Zeichen, die sich nicht in unserem »verdammten Manuskript« finden. Es ist ja gerade das hohe Maß an erkennbarer Struktur im Manuskriptes, das verblüfft.

Ich bin der Meinung, dass das größte Problem bei der Beschäftigung mit dem Voynich-Manuskript darin besteht, dass man sich nicht genügend über seine eigenen Annahmen klar ist, die dann aber der Wahrnehmung des Manuskriptes ihren Stempel aufdrücken.

Zum Beispiel habe ich bei vielen Forschern den Eindruck, dass sie in allen ihren Betrachtungen unbewusst davon ausgingen, bei der Abfassung des Voynich-Manuskriptes hätten Aberglaube, Wahnsinn oder die Benutzung halluzinogener Drogen keine Rolle gespielt. Diese Annahme mag in einem nüchternen, kritischen Weltbild begründet sein, sie wird aber durch die Erscheinung des Manuskriptes als ein unverständliches, singuläres Werk nicht unterstützt. Ganz im Gegenteil wirken zumindest die Illustrationen als rein geistige, fantastische Hervorbringungen ohne starken Bezug zur wirklichen Welt, die sich zwanglos als Ausfluss eines sehr seltsam tickenden Verstandes erklären ließen. Vor allem die Pflanzen werden niemals in dieser Form auf der Erde gewachsen sein, und die Zeichnungen im biologischen Teil zeigen zwar ein beachtliches Maß an künstlerischer Genialität (und wirken verblüffend modern), aber sind dabei so surreal, dass eine Interpretation kaum möglich ist. Wie man bei so wenig »irdischem Bezug« noch davon ausgehen kann, dass der Text mehr »irdischen Bezug« habe, erscheint mir beinahe so rätselhaft wie das Manuskript selbst.

Deshalb bin ich nach wie vor der Meinung, dass das gesamte Manuskript auch in einem rein psychologischen Prozess entstanden sein könnte, vielleicht vergleichbar zur Glossolalie. Die Strukturen des »Textes« könnten vielleicht auch auf diese Weise entstehen, und es ist gar nicht gesagt, dass der Autor sein Schreiben für »sinnlos« hielt. Er kann es sogar für eine gewaltige Offenbarung gehalten haben.

Aber wie lässt sich so etwas nur belegen? (Immerhin, es scheint mir nicht völlig aussichtslos. Vermutlich bin ich einfach der völlig falsche Mensch für ein solches Ansinnen.)

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Das ZDF…

Donnerstag, 5. November 2009 22:05

Das ZDF… dieses Zweite Deutsche Fiasko im Fernsehempfänger, es ist immer gut für irgendeinen leicht esoterisch angehauchten Unfug, und eben gerade habe ich in einer Mail gelesen (ich selbst verzichte ja dankend auf die »Segnungen« des Fernsehens), dass heute im ZDF ein Krimi mit dem Voynich-Manuskript als Hintergrund für den konstruierten Mordfall ausgestrahlt wurde. Nach allem, was ich bis jetzt weiß, handelt es sich inhaltlich um den ZDF-typischen, mit Psychogeklimper und dumpfen Klischees völlig ungenießbar gemachten Schwachsinn – aber die Ausstrahlung dieser Sendung wird wahrscheinlich dennoch den armen Server hier an den Rand der Belastbarkeit bringen.

Wer nach »Genuss« dieser ZDF-Produktion Interesse an einem wirklich schwierigen Rätsel bekommen hat, möge doch bitte die vielen hier gegebenen Links verfolgen und sich einen ersten Eindruck davon machen, welche Ansätze zur Entschlüsselung bislang trotz allen Aufwandes erfolglos blieben. Leider steht der größte Teil des sehr umfangreichen Materiales nur in englischer Sprache zur Verfügung – aber ist damit immer noch deutlich leichter verständlich als das Voynich-Manuskript. Und wer nach diesem »bisschen« Lektüre erst so richtig Interesse bekommen hat: Herzlich Willkommen bei uns, die wir im Dunkel tappen, und die wir mehr als nur einen hochbegabten, soziopathischen Schüler brauchen, um Licht in diese Angelegenheit zu bringen… ;-)

Der Schwachsinn der ZDF-Story wird sich allerdings schon nach flüchtiger Lektüre des Materiales zeigen. Und vielleicht zeigt sich dabei ja so manchem Menschen auch ganz nebenbei, wie viel Schwachsinn einer ganz bestimmten Machart sonst noch jeden Tag in einem ZDF läuft, das übrigens in der BRD auch von allen Menschen ohne Radio und Fernseher durch eine Zwangsgebühr finanziert wird, wenn diese einen Computer besitzen.

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Qokeedy qokeedy qokedy qokedy qokeedy

Mittwoch, 28. Oktober 2009 2:18

Über diesen »Text« auf der Seite f75r hat sich wohl jeder schon einmal gewundert, der das Manuskript verstehen wollte. Zu einer Sprache scheint das nicht zu passen.

Oder vielleicht doch? Hier die »Geschichte des Shi der Löwen isst« von Zhào Yuánrèn in klassischem Chinesisch, nach der heutigen Aussprache in Pinyin transkribiert:

»Shï Shì shí shï shǐ«

Shíshì shïshì Shï Shì, shì shï, shì shí shí shï.
Shì shíshí shì shì shì shï.
Shí shí, shì shí shï shì shì.
Shì shí, shì Shï Shì shì shì.
Shì shì shì shí shï, shì shǐ shì, shǐ shì shí shï shìshì.
Shì shí shì shí shï shï, shì shíshì.
Shíshì shï, Shì shǐ shì shì shíshì.
Shíshì shì, Shì shǐ shì shí shì shí shï.
Shí shí, shǐ shí shì shí shï, shí shí shí shï shï.
Shì shì shì shì.

Quelle: deutsche Wikipedia | english version

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Kryptogramm

Montag, 19. Oktober 2009 0:06

Ich glaube zwar nicht, dass es auch nur einen minimalen Beitrag zur Lösung des Rätsels leisten kann, aber dennoch ist mein neues Album »Kryptogramm« vielleicht eine Abwechslung…

Das Cover meines neuen Albums Kryptogramm

Thema: Diverses | Kommentare (1)

Zu den Transkriptionen

Dienstag, 13. Oktober 2009 23:42

Jeder, der heute am Voynich-Manuskript forschen möchte, hat einen erheblichen Vorteil gegenüber vielen früheren Forschern: Es stehen mehrere Transkriptionen großer Teile des Manuskriptes zur Verfügung, und es gibt hervorragendes Bildmaterial. Der größte Teil des Manuskriptes kann in Form von hochaufgelösten Bildern betrachtet werden, und zu jeder Seite existiert mindestens eine Transkription. Zudem ist eine erhebliche Menge existierender historischer und aktueller Transkriptionen im interlinearen Archiv von Jorge Stolfi zusammengestellt und kann mit Leichtigkeit verglichen werden.

(Einen ersten Eindruck der im interlinearen Archiv verfügbaren Transkriptionen kann man zum Beispiel im Voynich Information Browser erhalten – und wer ein wenig Analyse machen will, kann sich auch interessierende Teile extrahieren lassen.)

Ich selbst verwende übrigens für schnelle Überprüfungen meiner (sich meist schnell als haltlos herausstellenden) Annahmen die vollständige Transkription von Takeshi Takahashi aus dem interlinearen Archiv. Anfangs habe ich dies noch eher unkritisch getan, aber später musste ich bemerken, dass es sich um eine durchaus gute Wahl gehandelt hatte. Obwohl Takahashi als Grundlage seiner Mammutarbeit nur gering aufgelöstes und qualitativ schlechtes Bildmaterial zur Verfügung hatte, erweisen sich viele seiner Lesungen auch beim Vergleich mit hochauflösenden Bildern als sehr gut, der Anteil fragwürdiger oder sicher falscher Entscheidungen in der Transkription liegt nach meinen Stichproben zwischen drei und fünf Prozent. Eine Schwäche hat allerdings die Transkription von Takahashi, und das sind die astrologischen und kosmologischen Diagramme. Die Texte in den Ringen enthalten außerordentlich viele Fehler. Da ich mich meist auf Absätze (und meist im pflanzenkundlichen Teil) konzentriere, spielt diese Fehlerquelle für mich keine so große Rolle, aber wer selbst tätig werden will, sollte das wissen.

Viele andere verfügbare Transkriptionen sind schwächer, selbst die ebenfalls sehr gute Transkription von Currier. Andere Transkriptionen, vor allem die Übertragung bestimmter Einzelseiten durch Jorge Stolfi, erwecken bei einem gründlichen Vergleich mit guten Bildern den Eindruck, dass hier eher die von Jorge Stolfi erkannten Muster als die Wirklichkeit der Glyphenfolge transkribiert wurde – eine Fehlerquelle, von der kein Mensch frei ist, der etwas Unverstandenes dokumentieren will.

EVA und die Probleme

Das Transkriptionsalphabet EVA hat leider ebenfalls Probleme, die Wirklichkeit der Glyphenfolge zutreffend abzubilden. Es beinhaltet etliche Annahmen vom Aufbau des Schriftsystemes, die natürlich auch falsch sein können, und aufgrund dieser Annahmen werden Glyphen des Manuskriptes auf maschinenlesbare Zeichen abgebildet. Alle folgenden Beispiele stammen aus der gut »lesbaren« Seite f22r, auf anderen Seiten lassen sogar bessere Beispiele finden. In der EVA-Transkription von Takeshi Takahashi »liest« sich diese Seite folgendermaßen:

pol olshy fcholy shol dpchy oty okoly daiin opchy s ocphy
ol oiin shol o kor qokchol daiin otaiin cthor dain ckhydom
qokol dykaiin okchy daiin cthol ctholo dar shain
pchaiin ofchy daiin cfhy doroiin ypchol sy schor daiin
ol daiin qokchy dar daiin chor oldor oky y choldchy
y chokshchy ctheen
kchol shol dsheor ska chdoly ytaiin ol otchy cphal
dchor oty daiin ctholy qoky chotaiin chocthy doiiin dchor
odaiin dain cthy ctheor oraiino
kchol chor daiin cthoiin dchor chey qokol dy opchol oldam
doiin yckhody qokchy oky otoldy yty dol or dachy daiin
odchaiin cthy okchy kchy dchol daiin ydaiin
dchor dydain qockhy ykalokain

(Diesen Auszug habe ich mit einem meiner Skripten aus meiner SQL-Datenbank der Transkriptionen erstellt, die Lokatoren für die Zeilen habe ich entfernt)

Die Transkription gibt nur einen sehr schwachen Eindruck davon, was sich wirklich auf der Seite f22r befindet.

Leerzeichen

Ein großes Problem bei allen Transkriptionen ist die sichere Erkennung von Leerzeichen. Diese sind keineswegs immer deutlich.

pol.olshy.fcholy

Während das Leerzeichen zwischen olshy und fcholy sehr deutlich ist, kann meiner Meinung nach pol.olshy eben so gut als pololshy gelesen werden. Ich verstehe allerdings, wie es zu dieser »Lesart« kommt, denn mit einer kurzen Abfrage der Datenbank kann ich feststellen…

mysql> select count(*)
       from voy_word
       where eva like '%olol%';
+----------+
| count(*) |
+----------+
|       44 |
+----------+
1 row in set (0.24 sec)

…dass über sämtliche Transkriptionen hinweg nur 44mal die Kombination olol innerhalb eines »Wortes« aufscheint, es handelt sich also um eine recht seltene Kombination von Glyphen. (Das häufigste derartige Wort ist übrigens olol, das 67mal in sämtlichen Transkriptionen erscheint.) Allerdings steht ol in 617 transkribierten »Wörtern« am Ende eines »Wortes«, und einige dieser »Wörter«…

mysql> select eva, count(*)
       from voy_word
       join voy_lineword on lword_word = word_id
       where eva like '%ol'
       group by eva
       order by 2 desc
       limit 10;
+-------+----------+
| eva   | count(*) |
+-------+----------+
| ol    |     1732 |
| chol  |     1302 |
| shol  |      626 |
| qol   |      568 |
| cheol |      528 |
| dol   |      386 |
| sheol |      346 |
| qokol |      307 |
| otol  |      273 |
| sol   |      259 |
+-------+----------+
10 rows in set (0.07 sec)

…sind im Manuskript recht häufig. (Auch diese Datenbankabfrage geht über sämtliche Transkriptionen und soll nur meine These von der Häufigkeit der Endung ol ein wenig untermauern.) Hier scheint das Unbewusste im Verlaufe der Transkription ein Muster aufgenommen zu haben und aus einer kleinen Lücke im Schriftfluss – die übrigens fast genau so breit ist wie die Lücke zwischen initialem p und folgendem o – ein wahrgenommenes Leerzeichen gemacht zu haben.

Sehr viele transkribierte Leerzeichen sind fraglich. Wer Analysen zu Annahmen macht, in denen die Leerzeichen eine Bedeutung tragen (etwa als Wort- oder Silbentrenner), ist gut beraten, wenn er die verwendete Transkription überprüft und gegebenenfalls nach Augenschein korrigiert, um gesichertes Datenmaterial zu haben.

(Am Rande bemerkt: Eine Datenbank mit den Transkriptionen ist selbst für mich, der ich sowohl den »Weg der tausend Tools« [Un*x] schätze als auch gern und schnell in Perl programmiere, immer wieder einmal nützlich. Auch, wer nicht mit Leichtigkeit SQL tippt, kann von einer solchen Datenbank profitieren, wenn er sich eine ODBC-Datenquelle einrichtet und ein Reporting-Werkzeug oder Microsoft Access verwendet. Mir allerdings ist alles, was Griffe zur Maus erfordert, ein Gräuel…)

Ver-daiin-t!

Die in EVA transkribierte »Wortendung« aiin ist recht häufig, und daiin ist das mit Abstand häufigste »Wort« mit dieser Endung. Die fünf häufigsten derartigen »Wörter« in der Transkription von Takeshi Takahashi sind:

mysql> select eva, count(*)
       from voy_word
       join voy_lineword on lword_word = word_id
       join voy_line on line_id = lword_line
       where line_trans = 'H'
       and eva like '%iin'
       group by eva
       order by 2 desc
       limit 5;
+---------+----------+
| eva     | count(*) |
+---------+----------+
| daiin   |      863 |
| aiin    |      469 |
| qokaiin |      262 |
| okaiin  |      212 |
| otaiin  |      154 |
+---------+----------+
5 rows in set (2.72 sec)

Aber handelt es sich immer um das gleiche -iin? Oder handelt es sich um eine Annahme im Transkriptionssystem EVA, dass es sich immer um das gleiche -iin handele?

Nur einige Beispiele aus der recht klar »lesbaren« Seite f22r:

odaiin dain

Hier fließen die in EVA als a, i und n transkribierten Komponenten klar zusammen, man ist auf dem Hintergrund des lateinischen Alphabetes fest geneigt, den »Text« als »odam dan« zu lesen.

daiin

Hier ist das n deutlich von den beiden zuvor zusammenfließenden, als i transkriberten Komponenten getrennt. Niemand weiß zur Zeit, ob diese Subtilität Bedeutung trägt, oder ob sie in der Eile des Schreibens entstanden ist. Aus der gleichmäßigen Tintenfarbe dieses Wortes scheint jedoch zu folgen, dass die Feder nicht in die Tinte getaucht wurde und dabei eine Unterbrechung des Schreibflusses entstand.

daiin

Hier ist zwar eine Verbindung zwischen dem a und dem ersten i erahnbar, aber es wird auch deutlich, dass die einzelnen i-Komponenten klar voneinander abgegrenzt geschrieben wurden. Das abschließende n weist einen klaren Abwärtsstrich auf, der nicht durch den Aufwärtsbogen zu einer Rundung verschliffen wurde.

Ver-daiin-tes Für und Wider

Obwohl niemand weiß, ob sich in diesen Feinheiten eine Bedeutung verbirgt, ist die Annahme der Bedeutungslosigkeit in die Definition des Transskriptionssystemes EVA eingeflossen.

Wir dürfen beim Betrachten dieser Bilder nicht vergessen, dass die Schrift im Manuskript klein ist. Wer einen Eindruck von den Größenverhältnissen bekommen möchte, besorge sich ein hochaufgelöstes Bild einer Einzelseite und drucke es auf eine DIN-A4-Seite aus, das ist fast die Originalgröße. Mit einem solchen Bild vor Augen wird verständlich, weshalb solchen Subtilitäten keine Bedeutung beigemessen wurde.

Aber…

Aber wenn ich mir selbst die Aufgabe stellen würde, einige unbedingt geheim zu haltende Notizen zu machen (das Manuskript ist doch verschlüsselt, nicht?) und keine modernen Hilfsmittel wie meinen Computer und GPG hätte, sondern mir ein Schriftsystem ausdenken müsste, denn würde ich den neugierigen und möglicherweise hingebungsvollen Leser nicht nur durch eingefügte Null-Zeichen, verschieden gestaltete Zeichen für häufige Buchstaben oder Laute und ein ungewohntes Schriftsystem verwirren, sondern ich würde auch dafür sorgen, dass verschiedene Dinge sehr ähnlich aussehen, um zusätzliche Verwirrung zu stiften. Viele Mittel hätte ich ja nicht zur Verfügung. Und ich würde bei alledem auch darauf achten, dass mir die Verschlüsselung nicht allzu viel Arbeit bereitet, denn ich würde ja in meinem Leben noch etwas anderes tun wollen, als meine Notizen zu verschlüsseln. Zum Beispiel das, worüber ich mir so viele Notizen mache. (Ob wohl viele nackte Frauen und außerirdische Drogenpflanzen darin vorkämen?)

Niemand sollte sich vom ersten Eindruck täuschen lassen. Schon gar nicht beim Voynich-Manuskript, das schon viele scharfsinnige Menschen auf der Suche nach einer Lösung zu beachtlichen Leistungen der Selbstverblendung geführt hat. Und jeder sollte sich bei einem derartigen Rätsel über alle im Vorfeld gemachten Annahmen klar sein, denn diese könnten falsch sein. Und ob dieses…

doiin

doiin wirklich auf einem n endet, wie es die EVA-Transkription durch ihre eingeflossen Annahmen erzwingt, oder ob es nicht vielmehr ein r oder ein in EVA nicht auflösbares Mittelding zwischen n und r ist, gehört nicht zu den Dingen, über die ich eine sichere Aussage machen könnte. Aber ich bin mir sehr sicher, dass das gleiche Zeichen nach einem o als ein r transkribiert worden wäre, weil die »Wortendung« or (2255mal in Takahashis Transkription) nun einmal wesentlich häufiger als die »Wortendung« ir (590mal in Takahashis Transkription) ist. Wenn die wahrgenommene Ambiguität nicht anderes aufgelöst werden kann, denn werden eben unbewusst die bereits erkannten Muster eingefügt.

In wie großem Maße bei den Computeranalysen der Transkription wohl in Wirklichkeit die unbewussten Fähigkeiten des Transkriptors zur Mustererkennung untersucht werden? ;-)

Das Problem betrifft nicht nur die »Wortendung« -iin, sondern in vielleicht noch größerem Maße die Glyphe sh, die es in einigen sehr verschiedenen Varianten gibt. Immerhin gibt es bereits Transkriptionen, die diesen Fakt sehr genau berücksichtigen, dabei sind die angewendeten Transkriptionsalphabete allerdings wesentlich schwieriger zu beherrschen.

Wie wurden die Zeilen geschrieben?

Auf der sehr klaren Seite f22r gibt es noch eine weitere Auffälligkeit. Aber um darauf einzugehen, muss ich zunächst auf etwas anderes hinweisen.

Zu den rätselhaften Eigenschaften des Manuskriptes gehört es nicht nur, dass die »Wörter« sehr regelmäßig gebildet sind (und dass dabei Ausnahmen von den Regeln über das gesamte Manuskript verstreut sind), sondern auch, dass die Zeilen im Manuskript eine interne Struktur zu haben scheinen. Currier schloss aus dieser Beobachtung, dass die Zeile im Manuskript eine Informationseinheit sein müsse.

Tatsächlich lassen sich, wenn eine große Menge transkribierten »Textes« untersucht wird, zum Ende der Zeile hin sowohl auf Wortebene als auch auf Zeichenebene signifikant unterschiedliche Häufigkeiten zählen. Diese Eigenschaft des »verdammten Manuskriptes« hat wohl nicht nur mich verwirrt. Ich habe sogar nach »Spuren von Lyrik« geforscht, ohne Anhaltspunkte dafür zu finden. Zu einem einfachen, mit wenig Hilfsmitteln durchgeführten Verfahren der Kryptografie wollte es gar nicht passen…

Vielleicht ist auf diesem Hintergrund der obere Absatz der Seite f22r interessant:

Oberer Absatz der Seite f22r

Ich finde hier die Schwankung der Tintenfarbe mitten in den Zeilen sehr auffällig. Hier noch einmal ein Detail, die schwarzen Linien sind natürlich von mir, aber das Bild des Manuskriptes wurde ansonsten nicht bearbeitet:

Detail des Wechsels der Tintenfarbe

Um das in meinen Augen schon offensichtliche Detail noch etwas deutlicher zu machen, habe ich mit GIMP ein wenig an der Abbildung der Helligkeitswerte auf den Farbraum »herumgespielt«:

Das Details des Wechsels in der Tintenfarbe durch Bildbearbeitung deutlich gemacht

In der dritten Zeile ist es vielleicht gar nicht so deutlich und mag auf einer Selbsttäuschung beruhen (dafür macht dieses Manuskript anfällig), aber in den übrigen Zeilen ist es völlig offensichtlich, dass mitten in den Zeilen ein Unterschied in der Sättigung der Tintenfarbe eintritt. Da dieser Unterschied mit Ausnahme des »Wortes« chor immer auf Wortgrenzen zu fallen scheint und sehr stark ist und da beim »Worte« ch-or eine Verschiebung der Schreiblinie nach unten mittem im »Wort« aufzutreten scheint, entsteht nicht der Eindruck, es handele sich hier um eine Eigenschaft des Pergamentes.

Der Unterschied in der Tintenfarbe wirkt so stark, dass er sich kaum durch ein Neueintauchen der Feder in die unveränderte Tintenmischung erklären lässt. (Obwohl das natürlich auch möglich ist.) Vielmehr entsteht der Eindruck, als sei hier mitten in einer Zeile eine neu angemischte Tinte verwendet worden. Es kann natürlich sein, dass dieses Artefakt bei einer Restauration des Manuskriptes entstanden ist, die Seite weist ja auch oben rechts Spuren einer Beschädigung durch Feuchtigkeit auf.

Aber es kann ebenfalls sein, dass der Autor des Manuskriptes die jeweils zweite Hälfte der Zeilen nachträglich angehängt hat, und dass diese zweite Hälfte nur noch Null-Informationen enthält. Wenn er seinen eigenen Text lesen konnte, wird ihn ein solches Vorgehen nicht verwirrt haben – aber dafür verwirrt es uns, denn wir stehen vor den sehr rätselhaften Zeilenstrukturen des Manuskriptes…

So lange man sich vor allem mit Transkriptionen beschäftigt, fallen solche Dinge jedenfalls nicht auf.

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