Beiträge vom September, 2009

Die Monatsnamen

Dienstag, 1. September 2009 22:04

Das unverstandene Manuskript

Wenn man ein völlig unlesbares Buch unbekannter Sprache in einer fremdartigen Schrift (oder beim Voynich-Manuskript eher: bislang ungebrochenen Verschlüsselung) vor sich liegen hat und dieses Buch lesen und verstehen will, denn sucht man natürlich nach Anhaltspunkten, die zumindest einen Aufschluss über das Thema des Buches geben könnten – solche Anhaltspunkte könnten ja hilfreich sein.

Leider enthält das Voynich-Manuskript keine derartigen Anhaltspunkte. Die gezeichneten Pflanzen sind fremdartig, die scheinbar astrologischen und kosmologischen Diagramme auf dem Hintergrund der bekannten mittelalterlichen Weltanschauung völlig unverständlich und die Zeichnungen im biologischen Teil gehören zum Rätselhaftesten, was ich je gesehen habe – und das geht nicht nur mir so. Zusammengefasst: Die Illustrationen sind genau so unverständlich wie der Text selbst, sie scheinen ebenfalls auf eine unbekannte (optische) Weise verschlüsselt zu sein, wenn sie nicht gar reine Phantasieprodukte sind.

Es ist nicht überraschend, dass angesichts dieser Eigenschaften des Manuskriptes einige zum Schluss gekommen sind, dass es möglicherweise gar keinen Inhalt habe. Dieser Schluss ist bequem und entbindet von der leidigen Aufgabe, dieses Rätsel zu lösen. Er hat freilich einen schweren Nachteil und ist deshalb, so er nicht mit starken Belegen gestützt wird, unzulässig: Er ist nicht widerlegbar und damit ein reiner Glaubenssatz, keinen Deut besser als jede andere Spekulation. Der hoch strukturierte Charakter des Voynichianischen scheint genügend Beleg dafür zu sein, dass die Annahme, dahinter verberge sich »richtiger Text«, zurzeit eher gerechtfertigt zu sein scheint als die gegenteilige Annahme.

Nur eine Aussage kann man auf dem Hintergrund der gesamten bisherigen Forschung am »verdammten Manuskript« mit großer Sicherheit machen: Die Beschäftigung damit verspricht keinen leichten, vielleicht sogar gar keinen Erfolg, ist aber dafür mit einer besonders großen Gefahr des »Verrennens« und der massiven Selbsttäuschung verbunden. Wer möchte sich schon gern freiwillig auf derartig schlüpfrigen Boden begeben, ohne zu wissen, ob es überhaupt ein erreichbares Ziel am Ende des eingeschlagenen Weges gibt? Kein Wunder, dass sich die etablierte Wissenschaft offizell eher wenig an diesem Thema abarbeitet, zumal kaum neue Ergebnisse erzielbar und in einer Veröffentlichung darlegbar scheinen. Angesichts der Vermutung, dass der Inhalt dieses Buches wohl nicht besonders spektakulär sein wird – vielleicht ist es das Notizbuch eines frühneuzeitlichen Wissenschaftlers, der seine Forschung und ihre Ergebnisse vor der Inquisition verbergen musste; vielleicht ist es aber auch ein schlichter »Esoterik-Schinken« – müsste ein heutiger Wissenschaftler schon recht verrückt sein, um an solcher Aussichtslosigkeit seine Zeit und seine Ressourcen zu vergeuden, statt auf ergiebigerem Gebiet an seiner Karriere zu arbeiten.

Der überraschende Klartext

In dieser Situation überrascht es den noch Unkundigen ein wenig, dass sich auch klar lesbarer Text in lateinschen Lettern im Manuskripte findet. Es handelt sich um die Monatsnamen, die in den Tierkreis eingetragen wurden.

Die etwas dunklere Tintenfarbe der Monatsnamen verrät, dass es sich möglicherweise nicht um einen Text des ursprünglichen Autors, sondern um eine nachträgliche Hinzufügung eines späteren Besitzers handelt. Warum diese Hinzufügung gemacht wurde, bleibt jedoch rätselhaft, denn die Piktogramme der Tierkreiszeichen sprechen für sich selbst und sind trotz einiger grafischer Seltsamkeiten bis heute verständlich. Ferner ist die Zuordnung der Tierkreiszeichen zu den Monaten des gregorianischen Kalenders insofern falsch, als dass sich diese beiden Systeme nicht gut decken. Jeweils ein gutes Drittel des Monates, der hier zu einem Tierkreiszeichen zugeordnet wird, fällt in den vorhergehenden Monat.

Auch dieser scheinbar unmittelbar verständliche Text versteht sich also nicht ohne eine Deutung, und mangels einer tieferen Einsicht in Text und Zweck des Voynich-Manuskriptes muss eine solche Deutung spekulativ bleiben.

Eine Spekulation zu den Monatsnamen

Wenn diese Monatsnamen nicht ein Bestandteil des vom Autor geplanten Entwurfes sind, sondern von einem späteren Besitzer hinzugefügt wurden, denn müssen sie die Auffassung dieses späteren Besitzers vom Zweck dieser Diagramme widerspiegeln. Es ist möglich, dass sich dieser hypothetische spätere Besitzer dabei getäuscht hat. Aber dieser hier als zusätzliche Annahme eingeführte spätere Besitzer hat uns gegenüber einen Vorteil, er war nämlich zeitlich (und vielleicht auch örtlich) näher an der Entstehung des Manuskriptes. Vielleicht – um die Spekulation noch ein wenig gewagter zu machen – hat er den Autor sogar gekannt.

Seine Annahmen, so falsch sie sein mögen, verdienen also unsere Beachtung.

In den nachträglich hinzugefügten Monatsnamen zeigt sich, dass dieser hypothetische, spätere Besitzer den Tierkreis nicht in erster Linie als Tierkreis verstanden hat. Vielmehr scheint er ihn für eine Art »Kalender« gehalten zu haben, und die Tierkreiszeichen als eine Tarnung des wirklichen Inhaltes verstanden zu haben. Dies würde auch erklären, warum dieser Tierkreis selbst für Kenner der mittelalterlichen Astrologie einfach keinen Sinn ergibt; es handelt sich hier nicht um Astrologie, sondern um etwas völlig anderes.

Wenn dies stimmen sollte – es ist hier nur sehr dünn belegt – denn ist es das erste Anzeichen für eine optische Kryptografie in einzelnen Elementen der Illustrationen. Die Piktogramme der Tierkreiszeichen stellen kein astrologisches Konzept dar, sondern ein kalendarisches. Die Annahme einer solchen »optischen Kryptografie« gefällt mir allein deshalb, weil sie den fremdartigen Charakter so vieler Illustrationen gut erklären kann.

Weniger Spekulatives zu den Monatsnamen

Eines könnten uns die Monatsnamen in jedem Fall verraten, und das ist, in welcher Sprache sie geschrieben wurden. Auf diese Weise könnte ein kleiner Hinweis gewonnen werden, in welchem Sprachraum der Mensch lebte, der die Monatsnamen in dieses Manuskript eintrug.

Leider erweist sich das nicht als so eindeutig, wie es wünschenswert wäre. Sicher ist nur, dass sich dieser Mensch des lateinischen Alphabetes bedient hat, die Sprache der Monatsnamen hingegen bleibt dunkel. Das liegt zum Teil daran, dass die lateinischen Namen der Monate nur wenig verändert in alle europäischen Sprachen übernommen wurden, es liegt zum anderen Teil aber auch daran, dass die Orthografie der in Europa lebendigen Sprachen zum Zeitpunkt des Eintrages nicht normiert und damit willkürlich war. Einige Hinweise gibt die folgende Betrachtung der Monatsnamen im Manuskript vielleicht dennoch – leider führen sie nicht zu eindeutigen, »harten« Ergebnissen.

März

mars

Dies ist ein sehr klar lesbares Wort, »mars«.

Beachtenswert ist hier die etwas ungewöhnliche Schreibweise des einleitenden Buchstaben »m«, die wir in gleicher Weise beim Monatsnamen für Mai wiederfinden werden. Die Schrift ist ansonsten eine ganz gewöhnliche Kursive, zwar etwas flüchtig geschrieben, aber gut lesbar.

In beinahe jedem Sprachraum könnte der März so geschrieben worden sein. Über die Sprache erhalten wir also keinen Aufschluss.

April

aberil

Auch dieses Wort ist sehr gut lesbar: »aberil«.

Die Form des »r« und des »a« kennen wir bereits vom März. Neue Buchstaben sind das »e«, das »b«, das »i« und das »l«. Die drei letzteren könnten durchaus für Zeichen aus einer heutigen Kurrentschrift gehalten werden, das »e« überrascht jedoch mit einer etwas eigenen Form. Es wird in zwei Strichen geschrieben, der erste ist ein flacher Bogen, der zweite sieht für ein ungeübtes Auge fast wie ein diakritisches Zeichen über diesem Bogen aus, formt aber den oberen Bogen einer Minuskel »e«. Ungewöhnlich ist weniger diese Schreibtechnik, sondern mehr dieser Schlenker des oberen Bogens nach oben. Allerdings werden wir dieses »e« noch in anderen Monatsnamen in gleicher Form sehen, so dass es sich hier eher um eine Eigenart der Handschrift als um ein bedeutungstragendes Element handeln wird.

Den »Aberil« haben wir noch ein zweites Mal:

aberil (zweite Version)

Abgesehen davon, dass hier die Form des »e« weniger klar ist und dass der Punkt über dem »i« fehlt, ist hier nichts Neues zu entdecken.

Interessant an dieser Schreibweise ist die Aufweichung des »p« zu einem »b« und das zwischen »b« und »r« eingefügte »e«. Dies deutet darauf hin, dass es sich um eine Sprache handelt, die zumindest in einigen damals gesprochenen Dialekten Plosive vor anderen Konsonanten aufzuweichen trachtete. Allerdings wird dieser Hypothese von der Endung »-bre« der vier letzten Monate im Jahreslauf widersprochen, die weiter unten erläutert wird.

Mai

may

Der hier neu aufscheinende Buchstabe ist das »y«. Das Wort ist völlig klar lesbar, allein das diakritische Zeichen über dem »y«, das ein »ŷ« formt, lässt ein wenig stutzen. Ob dieses Zeichen Bedeutung trägt, ist fraglich, denn in der zweiten Version des »maŷ«…

may (zweite Version)

…erscheint das »y« ohne dieses Zeichen.

Der einzige Hinweis, den wir aus dieser Schreibweise auf die Sprache erhalten, ist der Hinweis darauf, dass das »y« offenbar zur Notation eines konsonantischen »i« verwendet wurde. Das ist nicht so ungewöhnlich.

Für die Lesung des nächsten Monatsnamens bitte im Kopf behalten, dass das »y« in »May« unten einen Strich in Schreibrichtung aufweist, der zwar im ersten Beispiel nur als schwache Linie sichtbar ist, aber doch sicher ausgeführt wurde…

Juni

yony

…denn das »y« in diesem »yony« ist sehr anders geformt. Es mag etwas bedeuten oder auch nicht, aber es ist so. Zusammen mit dem seltsamen Strich über dem auslautenden »y«, der eine gängige Abkürzung für ein »m« nach einem Vokal war, entsteht aus dem Schriftbild heraus ein sehr seltsamer Eindruck von diesem Monatsnamen. Dass der Strich eine Abkürzung für die Endung »-um« sein soll, kann eher ausgeschlossen werden, dafür wäre ein Zeichen ähnlich einer »9″ verwendet worden.

Eine mögliche Interpretation ist, dass die hier verwendete Endung »-y« für die Zeichenfolge »ij« stehen könnte. Ein konsonantisches »i« nach einem »n« ist eher unwahrscheinlich, es sei denn, dieses »n« wäre selbst stimmlos und formte den Vokal »o« zu einen Nasal um, wie dies im modernen Französisch der Fall ist.

Eine andere mögliche Interpretation, gestützt von der weiter unten gezeigten Schreibweise des Monates »August« ist, dass es sich um ein »g« handelt und dass der Monatsname folglich »yong« oder gar »gong« lautet. Wenn ein anlautendes »g« aufgeweicht wird, kann es durchaus an die Stelle eines lateinischen »j« treten, aber in modernen romanischen Sprachen wird niemals ein »g« vor einem »o« aufgeweicht, ohne dass dies durch ein eingeschobenes, stummes »e« markiert würde. Wir dürfen aber niemals vergessen, dass die Orthografie zu jener Zeit noch nicht normiert war und dass die Menschen ihre Muttersprache so schrieben, wie sie es für richtig hielten.

Sicher scheint nur, dass der Vokal »u« aus dem Monatsnamen zu einem »o« geworden ist. Dies scheint auf eine Eigenart der Sprache hinzudeuten und ist auch im Zusammenhang mit dem Folgenden interessant.

Juli

jolliz

Leider habe ich hiervon kein gutes Bild vorliegen, und in diese schlechte Auflösung möchte ich nicht zu viel hineininterpretieren. Aber deutlich ist, dass der Vokal »u« auch hier zu einem »o« geworden ist.

In diesem alten Scan lese ich »jolliz«, vielleicht auch »iolliz«. In keinem Fall handelt es sich beim Anfangsbuchstaben um ein »y«, und vermutlich wurde hier auch kein konsonantisches »i« notiert, sondern ein anderer Laut.

August

augst

Das ist ein sehr klarer Name: »augst«.

Interessant ist hier, dass das »u« nicht zu einem »o« geworden ist, sondern völlig verschwunden ist. Ob es sich um eine sprachliche Eigenart, eine gängige Abkürzung oder einen Verschreiber handelt, wissen wir nicht. Angesichts des eingefügten »e« beim »aberil«, das auf eine Tendenz zum Aufbrechen von gehäuften Konsonanten hindeutet, halte ich es eher für unwahrscheinlich, dass das »-gst« so gesprochen wurde. Das gilt noch mehr für die Endungen der letzten Monate.

September

sepembr

Dies ist einer der schwer lesbaren Monatsnamen. Das »s« am Anfang ist noch deutlich, das darauf folgende »e« stark verschmiert und eher aus dem Kontext der anderen Monatsnamen heraus als solches lesbar. Das »p« ist deutlich, ein eventuell folgendes »t« aber unkenntlich. Das »e« ist zu einer flachen Linie mit einem kleinen Haken darüber geworden, das »m« einfach durch einen Strich über dem Vokal notiert. Die Endung scheint zu einem »b« mit einem hochgestellten »r« geworden zu sein.

Wenn dies der einzige Monatsname wäre, denn würde ich es für reine Spekulation halten, dass es sich hier um einen Monatsnamen handelt. Nur aus dem Kontext des Tierkreises wird deutlich, dass hier wohl »September« stehen soll. Angesichts der schwierigen Lesbarkeit möchte ich keine Spekulationen darüber eröffnen, ob hier ein »t« ausgefallen ist.

Oktember

Der kleine Scherz sei mir gegönnt, denn dieser Monat heißt hier tatsächlich…

octembre

…«octembre«, und das ist gut lesbar. Unklar ist einzig die Endung. Da hier das »r« und das »e« zusammenfließen, sind durchaus auch andere Lesarten wie »octembie« möglich. Dass das »o« zum einem »em« geworden ist, steht hingegen fest.

Welche Sprache der Schreiber dieses Wortes auch immer sprach, er schien den »Oktober« einen »Oktember« zu nennen. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit entstand dieser »Fehler« in Analogie zu den Bezeichnungen »September«, »November« und »Dezember« in einem sprachlichen Umfeld, dass sich des lateinischen Wortes für »acht« nicht mehr bewusst war. Leider werden durch diese Beobachtung keine Sprachen ausgeschlossen. Vielleicht kann man aber wenigstens ausschließen, dass der Schreiber dieses Wortes gut Latein konnte, denn in diesem Fall hätte ihm seine Schreibweise doch ein bisschen weh getan.

November

novembre

Hierzu gibt es wenig Neues zu sagen, der Text ist klar lesbar und vielleicht bis auf die Endung eindeutig.

Dezember

decebre

Ein bisschen schwierig ist es schon zu lesen, aber nicht so schwierig wie der September. Das mit dem ersten »e« zusammenfließende »d« ist aus dem Kontext klarer als auf dem Pergament.

Die einzige Auffälligkeit dieses Monatsnamens ist es, dass hier das »m« weggefallen ist. Der Oktember hat ein »m« bekommen, dass dem »Dezeber« fehlt. Es kann aber auch einfach nur bedeuten, dass hier beim flüchtigen Schreiben der Strich über dem »e« vergessen wurde.

Zusammenstellung

Wer wirklich möchte, kann gern aus diesen Monatsnamen auf die Sprache zu schließen versuchen – ich kann es nicht.

  • mars
  • aberil
  • may, maŷ
  • yony, yong, yonij (?)
  • jolliz (?)
  • augst
  • sepembr, septembr (?)
  • octembre
  • novembre
  • decebre

Interessant sind der Mai, der Juni, der Juli und der Oktember, wenn die Sprache identifiziert werden soll. Hierfür sollten allerdings sprachliche Belege aus dem 14., 15. oder spätestens 16. Jahrhundert gefunden werden – vielleicht lässt sich ja doch der geographische Bereich, in dem dieses »verdammte Manuskript« lagerte (und vielleicht sogar entstand) ein wenig eingrenzen, und vielleicht lässt sich damit sogar eine zutreffende Annahme über die Sprache des Autors machen.

Diese könnte nämlich ein wichtiger, erster Schritt auf dem Weg zu einer Entzifferung sein.

Thema: Diverses, Spekulation | Kommentare (11) | Autor: