Beiträge vom September, 2006

Westerlinck-Code und Steganographie

Montag, 4. September 2006 23:10

Vom Westerlinck-Code, einem an sich sehr einfachen steganographischen Verfahren habe ich heute zum ersten Mal gehört, als ich einen Artikel auf heise online las.

Natürlich wurden auch Botschaften durch Verschlüsselung in normalen Texten versteckt: Beispielsweise durch den »Westerlinck-Code«, bei dem Zahlen mit drei Ziffern für die Buchstaben des Alphabets verwendet wurden. Jeder Buchstabe konnte dann durch eine Gruppe von drei Wörtern mit der richtigen Anzahl der Silben in einem Brief dargestellt werden. Wenn 112, so die Erklärung, den Buchstaben »n« codiert, kann er beispielsweise durch den Satz »I know nothing« dargestellt werden.

Natürlich erzeugt so ein Verfahren eine recht hohe Redundanz, und ich habe dabei sofort an einen verschlüsselten Text mit offenbar sehr hoher Redundanz gedacht. Aber diesen Gedanken konnte ich auch gleich wieder verwerfen.

Denn der »Text« des Voynich-Manuskriptes wird keine Steganographie enthalten.

Der Grund für diese Schlussfolgerung ist eigentlich ganz einfach einzusehen. Steganographie wird eingesetzt, um die Existenz einer Information hinter einer scheinbaren Belanglosigkeit zu verstecken, um diese Information auch vor einem aufmerksamen Mitleser zu verbergen. Wenn etwa die Ziffernfolge der Zahl Pi ein mitzuteilendes Geheimnis wäre, denn könnte ich sie wie folgt in einem englischen Text verbergen: »How I wish I could enumerate it…« — ich habe für diese schnelle Idee Englisch verwendet, weil ich in dieser Sprache einen größeren Vorrat an kurzen Wörtern zur Verfügung habe. Die Ziffern sind hier natürlich in den Anzahlen der Buchstaben verborgen, die die Worte bilden. Wer nicht auf diese Idee kommt, wird nicht bemerken, dass mit Hilfe dieser Worte eine geheime Information übermittelt wird. Und das ist auch schon der ganze Zweck einer solchen Vorgehensweise.

Ein offensichtlich verschlüsselter Text, hinter dem sich ganz gewiss eine Botschaft verbirgt, kann hingegen nicht steganographisch gemeint sein. Die Existenz der Information wird auf diese Weise nicht verborgen, sondern überdeutlich gemacht.

Das heißt aber nicht, dass die teilweise sehr fremdartigen Zeichnungen im Manuskript keine Steganographie enthalten können. Leider ist dieser Aspekt bislang nur wenig untersucht worden. Zum einen ist eine solche Untersuchung sehr schwierig, da ja nicht bekannt ist, in welcher Weise Informationen in den Zeichnungen verborgen sein könnte. Zum anderen liegt eine transkribierbare Zeichenfolge vor, die sich nach der Mühe der Transkription leicht mit Hilfe eines Computers untersuchen lässt und dabei »harte Daten« liefert.

Leider hat die Forschung der Kryptologen und Glyphenzähler (die Kryptologen und Glyphenzähler mögen mir so eine flapsige Formulierung verzeihen) bislang nicht so viel Licht in das Dunkel gebracht. Sie lieferte zwar eine beeindruckende Liste von »Text«-Eigenschaften im Manuskript, aber keine Lösung. Das Faktenwissen hat sich gemehrt, doch die Einsicht ist nicht gekommen. Tatsächlich ist der »Text« mit zunehmender Kenntnis der »harten Fakten« immer verwirrender und rätselhafter geworden, was jeden ernsthaft an diesem Rätsel arbeitenden Menschen immer wieder entmutigt.

Ich frage mich schon lange, ob dieser »Text« wirklich die »Nachricht« im Manuskript enthält. Die vereinigte Geisteskraft von zum Teil hervorragenden Forschern hat dem Text auch nach Jahrzehnten computergestützer Analyse noch keine Nachricht entreißen können — nicht einmal spürbare Annäherungen gab es. Dies förderte die Entstehung der ungewöhnlichsten Spekulationen (dieses Wort ist nicht abwertend gemeint) über den Inhalt und vor allem die Sprache des »Textes«. Selbst eine so fern liegende Idee, dass es sich bei diesem »Text« um eine phonetisch geschriebene fernöstliche Sprache handeln könnte, kann durchaus beachtliche Indizien sammeln — obwohl das gesamte Erscheinungsbild des Manuskriptes, das eindeutig auf einen europäischen Ursprung hindeutet, einer solchen These widerspricht.

Deshalb ist mir eben auch die Idee gekommen, dass die »Nachricht« des Manuskriptes doch steganographisch übermittelt sein könnte — und zwar in den Illustrationen. Diese scheinen vordergründig Pflanzen, kosmologische Entwürfe und die Seltsamkeiten des »biologischen Teiles« zu verbildlichen, sind aber dabei eigentlich für sich selbst zu rätselhaft, um eine vordergründige Deutung zuzulassen.

Es erscheint mir durchaus denkbar, dass der »Text« eine konstruierte und sinnlose Zeichenfolge ist (dann wäre allerdings das Verfahren noch aufzuklären, und zwar besser, als Rugg dies versucht hat) und die eigentliche Nachricht in den Illustrationen verborgenist.

Ein Beispiel für eine seltsame Wurzel und WuchsformWas für diese Idee spricht, ist das eher »außerirdische« Aussehen der meisten Pflanzen. Die einzelnen Elemente der Pflanzen wirken vertraut, es handelt sich um Stängel, Blätter, Wurzeln, Blüten. Aber die Kombination dieser Elemente wirkt oft »zusammengesetzt«, so sehen einige Pflanzen aus, als wäre der oberirdische Anteil der Pflanze auf die Wurzel »aufgesetzt«, andere Pflanzen weisen erhebliche Asymmetrien auf. Diese Besonderheiten im »Wuchs« der Pflanzen lassen den Gedanken möglich erscheinen, dass es sich um künstlich konstruierte Pflanzen handelt. Und eine solche Konstruktion könnte durchaus dem Zweck dienen, eine Nachricht zu übermitteln.

Die Aufmerksamkeit eines »unbefugten« Lesers würde dabei natürlich von der Glyphenfolge absorbiert — das klappt ja bis heute bei fast allen Forschern. So könnte jemand gewissermaßen eine doppelte Steganographie verwendet haben. Durch die offenbare Kodierung einer Nachricht in den Glyphen wird der Gedanke von einer steganographischen Information abgelenkt, und dennoch befindet sich eine steganographisch kodierte Information in den Illustrationen.

Leider habe ich noch keine gute Idee, wie sich diese Hypothese untersuchen lässt. Es müssten an folgenden »Fronten« gearbeitet werden:

  1. Es wird ein Verfahren benötigt, dass mit Mitteln, die bereits im Spätmittelalter zur Verfügung standen, eine sinnlose Glyphenfolge erzeugt, deren Eigenschaften dem Manuskripte nahe kommt. Das ist keineswegs einfach und in Handarbeit offenbar unmöglich. Leider hat Gordon Rugg zu wenig Material nach seinem Verfahren erstellt, um eine umfangreiche statistische Untersuchung und einen anschließenden Vergleich mit dem Manuskript zu ermöglichen.
  2. Es wird eine »Beschreibungssprache« für die Gestaltmerkmale der Illustrationen benötigt (eine schwierige Aufgabe allein bei den Pflanzen). Nachdem die Illustrationen in dieses System übertragen worden sind, muss eine Untersuchung dieser Merkmale erfolgen, um die Frage zu klären, ob auf diese Weise Informationen verborgen wurden.

Beide Schritte sind mit großen Schwierigkeiten verbunden.

Allerdings sollte mit dem zweiten Schritt begonnen werden. Da beim Verstecken von Informationen auch sehr kleine Details eine Bedeutung tragen können, ist der Entwurf einer angemessenen Beschreibungssprache sehr schwierig. Bislang wurde auf diesem Gebiet nach meinem Wissen keine analytische Arbeit geleistet, man müsste von Null beginnen. Auch handelt es sich hier nicht um eine Arbeit, die eine Einzelperson im Alleingang machen sollte — ein »Verrennen« könnte schnell zu einem Jahr unbrauchbarer und vergebener Arbeit führen.

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