Autorenarchiv

Gerard Cheshire »liest« das Voynich-Manuskript

Donnerstag, 16. Mai 2019 15:45

Wie die Neue Zürcher Zeitung vermeldet [Archivversion], ist es einmal mehr jemanden gelungen, das »verdammte Manuskript« zu »lesen«:

Der an der University of Bristol tätige Romanist Gerard Cheshire glaubt, das Rätsel gelöst zu haben. In einem Beitrag der Fachzeitschrift «Romance Studies» legt er eine neue Interpretation des Texts vor. Der kurz vor der Mitte des 15. Jahrhunderts entstandene Text ist seiner Ansicht nach auf Protoromanisch geschrieben, eine untergegangene Sprache, die Vulgärlatein mit Elementen verschiedener anderer Sprachen mischt, die im Frühmittelalter im Mittelmeerraum gesprochen wurden

Protoromaisch, als eine Sprache, die ein verschliffenes, volkstümliches Latein mit nicht genannten lokalen Sprachen mischt, lässt schon einmal viel Raum für kreative Interpretationen. Vor allem, wenn es von dieser postulierten Sprache keinerlei andere, vielleicht sogar in gebräuchlicheren lateinischen Buchstaben geschriebenen Textzeugen gibt und wenn diese Lokalsprachen keine anderen Spuren in den Vulgärsprachen hinterlassen haben.

Es wirkt unwahrscheinlich, dass es von einer Sprache, die immerhin in ihrer Zeit als »würdig« und allgemeinverständlich genug empfunden wurde, ein derartiges Kompendium darin niederzuschreiben und sogar ein eigenes Alfabet für diese Niederschrift zu ersinnen, keinerlei weitere Texte geben soll.

Doch das ist nicht das einzige Problem: Ärgerlicherweise wird die Deutung des Manuskriptes als eine direkt notierte, natürliche Sprache für sich allein kaum die Strukturen innerhalb einer Seite und die Strukturen innerhalb einer Zeile erklären können, wenn es sich nicht gerade um lyrischen Text handelt. Die Vorstellung, dass es sich beim Voynich-Manuskript…

Laut Gerard Cheshire ist das Voynich-Manuskript ein Lehrbuch der Heilpflanzen und der Bäderkunde und enthält daneben astrologische Erörterungen zu verschiedenen Fragen des menschlichen Körpers, der Fortpflanzung und der Kindererziehung

…um ein Kompendium der Medizin, Wissenschaft und Philosophie des späten Mittelalters handelt, passt zwar relativ gut zum Anschein der Illustrationen, ist aber völlig inkompatibel zu scheinbaren Fließtextzeilen, deren Wortlängen zum Ende der Zeile hin kürzer werden – was übrigens keineswegs nur für das letzte Wort einer Zeile gilt, das ja tendenziell häufiger abgekürzt sein könnte, um es noch in die beim Schreiben eng werdende Zeile einzupassen.

Ein auch nur kurzes Textbeispiel der »Lesung« von Gerard Cheshire wurde von der Neuen Zürcher Zeitung leider nicht mitgeteilt.

via Brightsblog

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Ein Autokopist

Mittwoch, 30. Juli 2014 11:10

Die Theorie von Torsten Timm halte ich (bis jetzt) für eine sehr gute Erklärung aller mir bekannter Eigenschaften des Manuskriptes:

Kern dieser angenommenen Methode ist ein Kopiervorgang des Schreibenden: Dieser erfand initial eine Reihe von unterschiedlichen Zeichenfolgen, die er im Anschluss immer wieder abwandelte. Timm weist nach, das teilweise ganze Zeilen voneinander kopiert scheinen, wobei immer leichte Abwandlungen in den Kopierprozess eingeflochten wurden, so dass nie gleiche, sondern immer nur ähnliche Zeichenketten entstanden

Insbesondere würde bei einer solchen hilfsmittelfreien Methode, die lediglich einen Blick auf die vorhergehende (oder eine andere) Zeile benötigt, das charakteristische flüssige Schriftbild mit harmonisch gebildeten »Wörtern« entstehen. Der Eindruck, dass sowohl die Zeile als auch die Seite eine Informationseinheit darstellt, kann durch zeilenweises Kopieren bei leichten Abwandlungen sehr leicht entstehen. Und dass bei der monotonen Erstellung vieler Seiten mit »sinnlosem Gebrabbel« auch einmal ganz seltsame Zeichen entstehen, ist nicht überraschend, sondern eine Reaktion des »Autors« auf die beim »halbautomatischen Schreiben« aufkommende Langeweile…

Einmal ganz davon abgesehen, dass klar würde, warum es beinahe keine Korrekturen im »Text« gegeben hat. Dass jeder Versuch einer Entzifferung scheitern muss, ist bei einem »Scheintext« nicht weiter erstaunlich.

Das Paper¹ von Torsten Timm bei arxiv.org

¹Ich lese zu viel Englisch. Wie nennt man ein »Paper« auf Deutsch?

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The Book That Can’t Be Read

Samstag, 22. September 2012 1:59

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Hochauflösende Bilder vom Manuskript

Dienstag, 5. Juli 2011 15:23

Wer hochauflösende Bilder vom Voynich-Manuskript betrachten möchte, aber mit dem Angebot der Beinecke-Bibliothek nicht zufrieden ist, sollte sich einmal den Voynich Manuskript Voyager von Jason Davis anschauen.

Besonders erfreulich ist es, dass sich dort Vergrößerungsstufe und Ausschnitt bequem verlinken lassen. Das ist großartig!

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Leseempfehlung (englisch)

Montag, 13. Juni 2011 1:57

Es ist besonders interessant, dass selten vorkommende Zeichen vermehrt am Ende der Zeile und häufiger vorkommende Zeichen vermehrt am Zeilenanfang auftreten.

Wer sich für das »verdammte Manuskript« interessiert und etwas Englisch kann (und sich nicht an einem trockenen, faktenbasierten Text stört), sollte unbedingt die Arbeit von Sravana Reddy und Kevin Knight »What We Know About The Voynich Manuscript« lesen. Auch ich habe darin einige Beobachtungen gefunden, die mir neu waren.

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Das McCrone-Gutachten ist online

Donnerstag, 2. Juni 2011 2:47

Die chemische Analyse der im Voynich-Manuskripte verwendeten Tinte(n) durch das McCrone-Institut (im Auftrag des ORF für die Dokumentation, die 2009 gesendet wurde) ist jetzt veröffentlicht – und wenn nicht Nick Pelling in seinem Blog darauf hingewiesen hätte, denn hätte ich es gar nicht mitbekommen. Das achtseitige Dokument steht auf der Voynich-Seite der Beinecke-Bibliothek als PDF für interessierte Leser zur Verfügung. Leider hat die Beinecke-Bibliothek eine reine Textversion veröffentlicht, und die im Text erwähnten Abbildungen – unter anderem eine aus meiner Sicht hochinteressante Ultraviolett-Aufnahme der Seite f1r, die auch einige bislang ungesehene Features offenbart hat – sind nicht Bestandteil der Veröffentlichung. Das ist schade und ich hoffe sehr, dass diese Bestandteile der Analyse demnächst nachgereicht werden.

Zum Glück ist Englisch viel leichter zu lesen als der Text des »verdammten Manuskriptes«, aber für jene, die nur eine kurze Zusammenfassung ohne die »blutigen Details« haben möchten, seien hier sehr kurz einige Punkte aufgeführt:

Tinte – Für den Text und den Umriss der Illustrationen wurde mit allergrößter Wahrscheinlichkeit die gleiche Tinte verwendet.

Seitennummerierung – Wer sich schon etwas eingehender mit den hochauflösenden Bildern des Manuskriptes beschäftigt hat, wird nicht überrascht sein, dass bei der Nummerierung der Seiten eine andere Tinte verwendet wurde.

Die Nummerierung der Buchbündel, die schließlich zum Codex gebunden wurden, ist in einer dritten Tinte ausgeführt.

Das lateinische Alphabet auf Seite f1r wurde mit einer vierten Tinte geschrieben.

Darüber hinaus wurde auch die Zusammensetzung der Farben untersucht.

Kurze Interpretation

Ich bin nicht besonders überrascht. Dass die Nummerierung der Seiten mit einer anderen Tinte als der »Text« des Manuskriptes geschrieben wurde, zeigte sich bereits in der deutlich anderen Farbe – für mich sah die Seitennummerierung immer nach einer späteren Hinzufügung aus. Für diese Annahme gibt es jetzt auch ein hartes Indiz. Das bedeutet unter anderem, dass die heute vorliegende Reihenfolge der Seiten nicht unbedingt den Absichten des Autors oder der Autoren entsprechen muss. Schlussfolgerungen aus der Reihenfolge der Seite stehen also auf schwachen Füßen.

Die Beobachtung von J. B. Hurych, dass die Form der Ziffern Ähnlichkeiten zur Handschrift der Glyphen im »Text« des Manuskriptes aufweist, scheint auf diesem Hintergrund nicht mehr ein so sicheres Indiz dafür zu sein, dass diese Nummerierung vom Autor vorgenommen wurde. Allerdings spricht nichts dagegen, dass sie dennoch viele Jahre später vom Autor hinzugefügt wurde, vielleicht auch, weil das Buch gebunden oder neu gebunden werden sollte.

Dass die einzelnen Buchbündel von den Buchbindern nummeriert wurden, überrascht nicht. Es handelt sich um eine eher »technische« Angabe. Und das stark verblichene, ausradierte lateinische Alphabet auf der ersten Seite machte schon immer den starken Eindruck, ein Überbleibsel eines früheren Entzifferungsversuchs zu sein und nicht vom Autor zu stammen. Dies deckt sich auch mit den Schlüssen Jorge Stolfis aus dem Jahr 1999 (hui, 5 Uhr morgens, das klingt nach einer langen Nacht).

Also alles in allem nichts Neues…

Gestützt wird von dieser Analyse, dass das Voynich-Manuskript eine »Geschichte« hat, was der Annahme einer modernen Fälschung (etwa durch Wilfrid Voynich auf der Grundlage alten Pergamentes) widerspricht. Dies war jedoch auch vorher (den meisten Untersuchern) klar.

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Glyphenhäufigkeit pro Seite

Samstag, 7. Mai 2011 22:51

In einer Mail wurde ich mit einer sehr einfachen Frage konfrontiert: Wie sieht es mit einer Betrachtung der Glyphenhäufigkeit für die einzelnen Seiten des Manuskriptes aus?

Es sind manchmal die einfachen Fragen, die sich zwar relativ leicht beantworten lassen, an die ich selbst aber noch nie gedacht habe. Das habe ich für alle Freunde der nummerischen Auswertung gern nachgeholt. Die Ergebnisse dieser Auswertung und das dafür verwendete Skript stelle ich hier zum freien Download zur Verfügung, damit sich niemand noch einmal diese Mühe machen muss.

Das ZIP-Archiv enthält zwei Dateien.

  1. gcount.pl ist das Perl-Skript, mit dem ich die Ergebnisse erhalten habe, und
  2. gcount.txt ist das Ergebnis der Zählung für die vollständige Transkription von Takeshi Takahashi in der von Jorge Stolfi normalisierten Form
  3. .

Das Ergebnis ist eine einfache Textdatei. Die Zeilenenden sind nach Unix-Konvention markiert. Jede Zeile enthält drei durch Tabulatorzeichen getrennte Felder, nämlich

  1. die F-Nummer der Seite,
  2. die gezählte Glyphe und
  3. die Häufigkeit dieser Glyphe auf der Seite.

Leerzeichen erscheinen als Punkte, und unlesbare Glyphen sowie Weirdos als Asterisk. Die Auswertungen für die einzelnen Seiten sind nach Häufigkeit der Glyphen absteigend sortiert. Am Ende erscheint eine Seitenbezeichnung »total«, welche die Häufigkeiten für das gesamte Manuskript wiedergibt.

Das Skript sollte sich problemlos auf andere Transkriptionen anwenden lassen, so lange sie aus einem Lokator in spitzen Klammern bestehen, der die mit einem Punkt beendete F-Nummer enthält und von einer beliebigen Menge Leerzeichen (auch Null) vom Text getrennt ist; es entfernt allerdings keine in die Zeile eingebetteten Kommentare in geschweiften Klammern. Das Skript kann aus der Standardeingabe lesen, es ist aber auch möglich, beliebig viele Dateinamen als Parameter zu übergeben. Die Ausgabe sollte sich in jede Tabellenkalkulation importieren lassen und leicht weiterzuverarbeiten sein.

Thema: Hacking | Kommentare (2) | Autor:

Warum es hier (momentan) so still ist

Montag, 11. Januar 2010 15:33

Wo ein Ausblick zu schreiben wäre, habe ich zurzeit vor allem einen Rückblick.

Ich gestehe offen ein, dass mich das Ergebnis der Datierung des Pergamentes überrascht hat, und dass ich ebenso davon überrascht wurde, dass die Tinte »nicht lange« nach der Herstellung des Pergamentes aufgetragen wurde – wobei ich mir gerade in diesem Punkte ein wenig mehr Information wünschte. Aber es ist ja keine zerstörungsfreie Messung, und das »verdammte Manuskript« hat jetzt umso deutlicher belegt, dass es zumindest als Artefakt des späten Mittelalters echt ist und darin auch einen erheblichen Wert allein dadurch hat, dass es nicht in die allgemeinen Vorstellungen von diesem Zeitalter passen will – weder in der angewendeten, noch heute rätselhaften Kryptografie, noch in der seltsamen psychologischen Qualität seiner flüchtigen Illustrationen.

Als ich vor vielen Jahren damit begann, mich ernsthaft mit dem Voynich-Manuskript zu beschäftigen, ging ich zunächst davon aus, dass es echt ist – also keine moderne, aus geschäftlichen Interesse angefertigte Fälschung ist – und dass es alt ist, dass es spätestens im sechzehnten Jahrhundert verfasst wurde. Die in diesem verschlüsselten Dokument liegende Aufgabe einer Entschlüsselung hielt ich in der begeisterten Naivität eines Neulinges für eine leichte, und ich erwartete davon auch keinen besonderen Aufschluss über das Mittelalter, also keinen bemerkenswerten Text, der, erst einmal gelesen, wegen seines Inhaltes dazu führt, dass große historische Erkenntnisse in die Geschichtsbücher aufgenommen werden müssten. Nein, ich erwartete – vor allem wegen der fremdartigen, außerweltlichen Darstellungen – so etwas wie einen »Esoterik-Schinken« des Mittelalters, geschrieben in relativ schwach verschlüsselter Sprache, deren Strukturen noch in den »Wortformen« durch den »Text« hindurchdringen.

Im Laufe der Jahre wurde ich mir – mit zunehmenden Wissen über die Tatsächlichkeit des Manuskriptes – über meine anfänglichen Annahmen immer unsicherer.

Als ein Mensch, der weiß, Computer zu benutzen, stürzte ich mich zunächst in die verfügbaren Transkriptionen, um an ihnen recht gewöhnliche Untersuchungen vorzunehmen. Dabei fand ich heraus, wie seltsam und fremdartig in diesem Manuskript nicht nur die Illustrationen, sondern auch die »Texte« sind. Der auffällig europäische Charakter der Illustrationen passte nicht zu einer »sprachlichen« Struktur, die sich mit keiner in Europa gesprochenen Sprache in Übereinstimmung bringen lässt. Aus dieser Beobachtung heraus musste ich meine ersten Hypothesen, die über die angenehme Eingeschaft der Überprüfbarkeit verfügten, verwerfen und immer mehr durch nur schwierig überprüfbare Hypothesen ersetzen. Ich versank – wie so viele vor mir – in einem schlüpfrigen Sumpf der Spekulation und der zusätzlichen Annahmen. Zusätzliche Daten brachten nicht etwa zusätzliche Klarheit, sondern machten das Rätsel nur größer, unfassbarer, entmutigender. Das scheinbare Alter des Manuskriptes erschien mir im Spiegel des zunehmenden Wissens immer weniger glaubwürdig, und die Möglichkeit einer kunstvollen Fälschung durch einen späteren Betrüger und Geschäftemacher drängte sich immer mehr auf. Auch, wenn ich dies selten explizit erwähnte, lässt sich der gesamte Prozess in diesem Blog verfolgen.

Mit der jetzt endlich vorliegenden, sicheren Datierung des Voynich-Manuskriptes hat dieser Prozess eine weitere Stufe erreicht. Das Manuskript ist wirklich so alt, wie es mir auf dem ersten Blick erschien, und es wirklich so seltsam, wie es dem Betrachter entgegentritt.

Nun, das ist jetzt immerhin eine bekannte Tatsache. Wie jede Tatsache steht sie mit ihrer gebieterischen Existenz vor uns und wir sind damit geplagt, uns einen Reim darauf zu machen.

Und ja, es hätte schlimmer kommen können! Der zweifelsfreie Beleg, dass es sich beim Voynich-Manuskript um eine moderne Fälschung handele, hätte bei mir durchaus eine gewisse Erlösung verursacht, aber er hätte auch bedeutet, dass Jahre der geistigen Auseinandersetzung mit diesem »verdammten Manuskript« nichts als vergeudete Energie gewesen wären. Aber so viel steht zumindest fest: Es hat sich in den ganzen Jahren niemand an einem kunstvollen Schwindel abgearbeitet, das Manuskript ist als authentisches Relikt des Mittelalters ein großes und beachtliches Rätsel, das danach schreit, in irgendeiner (hoffentlich nachvollziehbaren) Weise verstanden und interpretiert zu werden.

Insbesondere erhalten alle bislang erkämpften Ergebnisse in diesem Bemühen ihre Gültigkeit. Einige von ihnen sind so seltsam, dass sie eigentlich auch einen Hinweis auf die wirkliche Natur des Manuskriptes geben müssten:

  • Die Pflanzen in den Illustrationen haben keine biologische Existenz. Die Illustrationen sind möglicherweise ebenfalls auf eine schwer verständliche Weise verschlüsselt oder reine Phantasieprodukte. Angesichts des großen Raumes, den die Illustrationen auf teurem Schreibmaterial einnehmen, kann diese Tatsache nicht bedeutungslos sein, sie ist ein wichtiger Teil des Ganzen.
  • Der »Text« ist hochgradig redundant und transportiert pro EVA-Zeichen weniger als zwei Bit Information. Darüber hinaus ist der »Text« von aufeinanderfolgenden, identischen »Wörtern« geprägt, die so in keiner europäischen Sprache auftreten, während das Schriftsystem seine europäischen Vorbilder nicht verleugnen kann. Es lassen sich auch durch eingehende Betrachtung praktisch keine Wortarten anhand einer Stellung im Wortgefüge identifzieren (oder ich bin doch zumindest gründlich daran gescheitert), wenn man einmal von der artikelhaften »Wortbestandteilen« wie qo oder ot absieht. Die Annahme, dass es sich um eine schwach verschlüsselte, europäische Sprache handelt, fällt bei gründlicher Betrachtung in sich zusammen, und nur die Einführung einer zusätzlichen Hypothese von einer nicht-europäischen, ausgestorbenen oder künstlichen Sprache kann diese Annahme »retten«.
  • Die »Astrologie« (der Tierkreis) im Manuskript ist für das Mittelalter beispiellos. Besonders beachtenswert ist die völlige Indifferenz gegenüber dem Mond, der – nach meinen Informationen – in der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Astrologie eine wichtige Rolle spielte.
  • Die Illustrationen im »biologischen Teil« sind für das Mittelalter beispiellos und überdem das Seltsamste, was ich jemals gesehen habe. Die »kosmologischen« Illustrationen können beinahe jedes kosmologische Konzept darstellen, sind also kaum interpretierbar und damit als Verbildlichung eines damit transportierten Konzeptes sinnlos.
  • Es gibt keine deutlichen Anspielungen auf bekannte europäische Kultur, Religion, Esoterik oder Spiritualität des Mittelalters. Die wenigen diesbezüglichen Symbole erwecken durch ihre abweichende Tintenfarbe den Eindruck nachträglicher Hinzufügungen.

Auf diesem Hintergrund behält meine (leider letztlich unüberprüfbare) Hypothese, dass es sich beim Voynich-Manuskript um ein Produkt einer psychologischen Rückkopplung handele, ähnlich wie beim automatischen Schreiben, der Glossolalie oder beim kollektiven ideomotorischen Effekt, der die »Botschaften« auf einem Ouija-Brett hervorbringt, ihre Gültigkeit – und sie würde auch erklären, dass bislang jeder Versuch gescheitert ist, diesem »Texte« seinen Sinn zu entreißen.

Hier sehe ich noch einen Ansatzpunkt für weitere Untersuchungen, insbesondere würde mich ein Vergleich der Zeichenfolge des Voynich-Manuskriptes mit transkribierter Glossolalie eines überzeugten Praktizierenden sehr interessieren. Leider gibt es nicht genügend frei verfügbares und bequem transkribierbares Material, als dass ich einen solchen Vergleich durchführen könnte. (Wer hier mitliest und als Mitglied einer religiösen Gemeinschaft selbst Glossolalie praktiziert und bereit ist, mir einige längere Aufnahmen zur Verfügung zu stellen, melde sich bitte. Ein einfacher Kommentar zu diesem Artikel genügt, die angegebene Mailadresse wird nach außen nicht sichtbar und ich garantiere auf Wunsch auch eine völlig anonyme Behandlung, wenn ich das Ergebnis eines solchen Vergleiches veröffentliche. Ich selbst kann es nicht tun, da sich die Strukturen des Manuskriptes fest in mein Unterbewusstes eingegraben haben. Alle Vergleiche zwischen einer von mir erzeugten Glossolalie und dem Manuskript wären deshalb wertlos.)

Aber ich weiß natürlich auch, dass das nicht die »harten Daten« sind, die von vielen Forschern so gewünscht werden. Indizien dafür, dass jegliche Bemühung fruchtlos sein könnte, gibt es schon genug – allein durch das Scheitern einer großen, kollektiven Geistesanstrengung vieler, zum Teil hochqualifizierter Forscher am Voynich-Manuskript. Für mich ist dieses Zeichen ein Grund mehr, auf die »psychologische Karte« zu setzen, denn solche Untersuchungen wurden bislang eher vernachlässigt, obwohl sie durchaus möglich sind. Wenn der bislang beschrittene Weg sich als Sackgasse erweist, muss ein neuer Weg gesucht werden.

Thema: Diverses | Kommentare (23) | Autor:

Der ORF spannt uns auf die Folter…

Donnerstag, 3. Dezember 2009 21:02

Der ORF spannt uns alle zurzeit ganz ordentlich auf die Folter:

[…] jetzt bringt ein neuer Untersuchungsansatz Klarheit in das Dickicht von widerstreitenden Theorien und Ideen. Am Verwahrungsort des Voynich-Manuskripts, an der Universität Yale, hat man sich entschlossen, der mysteriösen Handschrift mit materialwissenschaftlichen Methoden zu Leibe zu rücken.

[…]

Das Ergebnis dieser Untersuchungen stellt alles, was man bisher über das Voynich-Manuskript wusste, auf den Kopf. Jetzt ist sicher: Alle bisherigen Theorien sind falsch. Denn das Buch ist viel älter als gedacht!

Ja, wie alt ist es denn nun? Und wie falsch sind die bisherigen Theorien, und wieviel älter als angenommen ist das verdammte Buch? Offenbar wollen die Programmgestalter des ORF, dass ihre Sendung am 10. Dezember auch gesehen wird und »erheitern« uns deshalb mit dunklen Andeutungen, als ob wir nicht genug zum Rätseln hätten – ich kann diese Sendung leider nicht sehen, denke aber, dass bei wirklich neuen und revolutionären Erkenntnissen eine gewaltige Aktivität auf der Mailingliste entstehen wird.

Ansonsten bin ich froh, dass es endlich einmal zu einer Altersbestimmung mit modernen Methoden gekommen ist, und dass das Manuskript wohl wirklich alt (und damit wahrscheinlich keine moderne Fälschung) ist. Oder genauer gesagt: Dass das Pergament des Manuskriptes alt ist. Auch erwarte ich von den Untersuchungen unter ultraviolettem Licht neue Aufschlüsse über die Entstehungsgeschichte des Manuskriptes.

Wer es gar nicht abwarten kann, werfe einen Blick auf Earth Times:

Forscher der Universität zu Arizona haben die Radiokarbon-Methode auf die 246 in Europa geschriebenen Seiten angewendet und herausgefunden, dass das Pergament zwischen 1404 und 1438 hergestellt wurde, wie Walter Koehler [ich vermute »Köhler«] mitteilte, ein ORF-Produzent, der die Fernsehdokumentation zum Manuskript überwachte.

Ferner haben Experten des McCrone-Forschungsinstitutes zu Chicago festgestellt, dass die Tinte nicht zu einem späteren Zeitpunkt aufgetragen wurde. Der Text wurde wahrscheinlich in Norditalien geschrieben.

Vor diesen Befunden »gab es keinen ernsthaften Experten, der es in die vorkolubianischen Zeiten datiert hätte«, sagte Koehler, sondern eher in ein 16. Jahrhundert, in dem codierte Texte modern waren.

Besonders gespannt bin ich allerdings auf die UV-Untersuchungen. Bislang bin ich aufgrund der Erscheinung in den hochauflösenden Fotographien der Yale-Universität davon ausgegangen, dass das Manuskript verblüffend wenig Korrekturen enthält, was angesichts eines unglaublich schwierigen Kodierungsverfahrens etwas überrascht. Sollten jedoch mehrfach fehlerhafte Stellen von Pergament entfernt worden sein, ist es vielleicht gar nicht mehr so überraschend. Mit einem bisschen Glück eröffnen sich vielleicht neue Einsichten in das angewendete Verschlüsselungsverfahren.

Nachtrag: Beim östereichischen »Standard« gibt es eine deutschsprachige Zusammenfassung der neuen Erkenntnisse.

Thema: Medien | Kommentare (8) | Autor:

Das Voynich-Rätsel im Fernsehen

Freitag, 27. November 2009 0:38

Für Leser aus Östereich und aus dem süddeutschen Raum ist es vielleicht interesseant: Auf der Homepage des ORF wird eine Dokumentation zum Voynich-Manuskript angekündigt.

DAS VOYNICH-RÄTSEL
Die geheimnisvollste Handschrift der Welt

Es ist die mysteriöseste Handschrift der Welt: Ein Buch, verfasst von einem unbekannten Autor, illustriert mit ebenso skurrilen wie rätselhaften Darstellungen – und in einer Sprache geschrieben, die von den besten Kryptographen nicht entschlüsselt werden kann […]

Die Dokumentation wird am 10. Dezember 2009 um 21:05 Uhr im Programm von ORF 2 ausgestrahlt, sie wird am folgenden Tag, den 11. Dezember 2009, um 09:30 Uhr wiederholt. Anfang 2010 wird diese Dokumentation auch im Programm von ARTE gesendet werden und damit in ganz Deutschland zu sehen sein – der Sendetermin ist allerdings zurzeit noch nicht bekannt.

Danke für den Hinweis an René Zandbergen.

Thema: Medien | Kommentare (3) | Autor: