Der ORF spannt uns auf die Folter…

Der ORF spannt uns alle zurzeit ganz ordentlich auf die Folter:

[…] jetzt bringt ein neuer Untersuchungsansatz Klarheit in das Dickicht von widerstreitenden Theorien und Ideen. Am Verwahrungsort des Voynich-Manuskripts, an der Universität Yale, hat man sich entschlossen, der mysteriösen Handschrift mit materialwissenschaftlichen Methoden zu Leibe zu rücken.

[…]

Das Ergebnis dieser Untersuchungen stellt alles, was man bisher über das Voynich-Manuskript wusste, auf den Kopf. Jetzt ist sicher: Alle bisherigen Theorien sind falsch. Denn das Buch ist viel älter als gedacht!

Ja, wie alt ist es denn nun? Und wie falsch sind die bisherigen Theorien, und wieviel älter als angenommen ist das verdammte Buch? Offenbar wollen die Programmgestalter des ORF, dass ihre Sendung am 10. Dezember auch gesehen wird und »erheitern« uns deshalb mit dunklen Andeutungen, als ob wir nicht genug zum Rätseln hätten – ich kann diese Sendung leider nicht sehen, denke aber, dass bei wirklich neuen und revolutionären Erkenntnissen eine gewaltige Aktivität auf der Mailingliste entstehen wird.

Ansonsten bin ich froh, dass es endlich einmal zu einer Altersbestimmung mit modernen Methoden gekommen ist, und dass das Manuskript wohl wirklich alt (und damit wahrscheinlich keine moderne Fälschung) ist. Oder genauer gesagt: Dass das Pergament des Manuskriptes alt ist. Auch erwarte ich von den Untersuchungen unter ultraviolettem Licht neue Aufschlüsse über die Entstehungsgeschichte des Manuskriptes.

Wer es gar nicht abwarten kann, werfe einen Blick auf Earth Times:

Forscher der Universität zu Arizona haben die Radiokarbon-Methode auf die 246 in Europa geschriebenen Seiten angewendet und herausgefunden, dass das Pergament zwischen 1404 und 1438 hergestellt wurde, wie Walter Koehler [ich vermute »Köhler«] mitteilte, ein ORF-Produzent, der die Fernsehdokumentation zum Manuskript überwachte.

Ferner haben Experten des McCrone-Forschungsinstitutes zu Chicago festgestellt, dass die Tinte nicht zu einem späteren Zeitpunkt aufgetragen wurde. Der Text wurde wahrscheinlich in Norditalien geschrieben.

Vor diesen Befunden »gab es keinen ernsthaften Experten, der es in die vorkolubianischen Zeiten datiert hätte«, sagte Koehler, sondern eher in ein 16. Jahrhundert, in dem codierte Texte modern waren.

Besonders gespannt bin ich allerdings auf die UV-Untersuchungen. Bislang bin ich aufgrund der Erscheinung in den hochauflösenden Fotographien der Yale-Universität davon ausgegangen, dass das Manuskript verblüffend wenig Korrekturen enthält, was angesichts eines unglaublich schwierigen Kodierungsverfahrens etwas überrascht. Sollten jedoch mehrfach fehlerhafte Stellen von Pergament entfernt worden sein, ist es vielleicht gar nicht mehr so überraschend. Mit einem bisschen Glück eröffnen sich vielleicht neue Einsichten in das angewendete Verschlüsselungsverfahren.

Nachtrag: Beim östereichischen »Standard« gibt es eine deutschsprachige Zusammenfassung der neuen Erkenntnisse.

Tags »

Autor:
Datum: Donnerstag, 3. Dezember 2009 21:02
Trackback: Trackback-URL Themengebiet: Medien

Feed zum Beitrag: RSS 2.0 Diesen Artikel kommentieren

8 Kommentare

  1. A casual reader of Voynich matters
    Freitag, 4. Dezember 2009 10:37
    1

    Ich versuch die Sendung aufzunehmen, allerdings kann ich das nur in DVB-H-Qualität (352 x 288).
    Mal sehen.

  2. Susanne Gundhacker
    Freitag, 4. Dezember 2009 12:06
    2

    Aber, aber… inzwischen kann fast jeder fast alles sehen ;-)

    http://tvthek.orf.at/programs/35429-Univer sum

    lg, susanne

  3. 3

    Ah, danke Susanne, wunderbar! Das hatte ich auf die Schnelle nicht gefunden und ich dachte schon, es gäbe keine Mediathek beim ORF…

  4. A casual reader of Voynich matters
    Freitag, 4. Dezember 2009 16:30
    4

    Stimmt… daran hab ich auch nicht gedacht. Zu meiner Verteidigung, TVthek gibt’s erst kürzlichst.

  5. 5

    Danke für den Link oben.
    In Tschechien (unweit von Österreich) bekomme ich da leider nur eine Botschaft dass der Film aus rechtlichen Gründen nur in Österreich gezeigt werden darf…

  6. 6

    Die Überprüfung des Pergaments hat ergeben, dass es aus der Zeit etwa von 1404 bis 1438 stammt. So hat leider auch diese lang erwartete wissenschaftliche Untersuchung wieder kein Ergebnis gebracht, dass uns an die Lösung des Rätsels auch nur ein Haarbreit näher heranführt. Theorien, die das Manuskript auf VOR 1404 datiert hätten, sind mir jedenfalls nicht bekannt. Wir wissen jetzt annähernd sicher: Es wurde irgendwann in den 500 Jahren zwischen 1404 und 1912 geschrieben. Wohl bekomms!

  7. a script enthusiast and casual reader of Voynich research
    Donnerstag, 10. Dezember 2009 21:54
    7

    Die ORF-Doku war (erwartungsgemäß, wenn ihr mich fragt) nichtssagend, und hat nichts — außer den Materialwissenschaftlichen Details — gesagt, was man nicht nach ein paar Stunden Recherche über das Manuskript erfahren kann. Naja. Was sonst erwartet man von einem ORF-Universum? Selbst ihre Naturdokus sind in letzter Zeit ziemlich mies.

    Es wäre jedoch nett, die Materialwissenschaftlichen Ergebnisse auch in einer wissenschaftlicher Zeitschrift lesen zu können…

  8. 8

    Wie von ’script enthusiast‹ berechtigterweise gefordert, warte ich immernoch auf eine wissenschaftliche Veröffentlichung. Die ORF-Doku war zwar ohne Zweifel gut gemacht, lässt aber diverse Fragen offen. Solange wikipedia-Artikel lediglich standard.at-Artikel als Referenz angeben, ist der Sache nach meiner Einschätzung nicht ganz zu trauen.

Kommentar abgeben