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Alte vietnamesische Handschriften?

Dienstag, 4. November 2008 2:10

Zu den sonderbaren Tatsachen der scheinbaren „Sprache“ des Voynich-Manuskriptes gehört es (unter anderem), dass die statistischen Eigenschaften dieser „Sprache“ mit keiner europäischen Sprache vergleichbar sind, aber sehr wohl mit einigen fernöstlichen Sprachen, zum Beispiel der chinesischen. Die Theorie, dass es sich beim „Text“ des Manuskriptes um eine phonetische Notation einer fernöstlichen Sprache handeln könnte, ist schon recht alt, aber bis heute diejenige Erklärung unter der Annahme einer natürlichen Sprache, die mit dem Textkörper am besten in Übereinstimmung steht.

Zwei Punkte widersprechen der „chinesischen Theorie“ aber recht deutlich.

Zum ersten sind die Illustationen im Manuskripte völlig sicher europäisch und fügen sich recht zwanglos in ähnliche europäische Kompendien des astrologischen, kosmologischen, biologischen und medizinischen Wissens, dies aber nicht, ohne dabei einen Satz völlig einmaliger Besonderheiten aufzuweisen. (Insbesondere die Nymphen in den Röhrensystemen sind eine völlig einmalige und damit schwer deutbare Formensprache, für die sich bislang kein vergleichbares Beispiel gefunden hat.) Wie es nicht anders bei diesem Manuskript zu erwarten wäre, hat dieser Teil der Formensprache auch keine fernöstliche Tradition.

Zum zweiten verfügen die fernöstlichen Sprachen schon seit vielen Jahrhunderten über ein Schriftsystem, das völlig anderen Prinzipien folgt als das im Manuskripte anzutreffende System. Im Falle der chniesischen Sprache hat sich die bronzezeitliche, logografische Schrift vor allem deshalb erhalten, weil sie als exquisit nicht-phonetische Notation eine gemeinsame Schriftsprache über eine Vielheit gegenseitig unverständlicher Dialekte des Chinesischen geschaffen hat – wenn auch um den hohen Preis eines breiten Analphabetismus, da das Erlernen dieser Schrift ausgesprochen schwierig ist. Es würde doch ein wenig verwundern, wenn aus diesem Kulturraum ein Zeugnis eines alternativen Schriftsystemes entstanden wäre, dessen einziger Überrest von so deutlich europäischer Prügung ist.

Nun, das mit dem einzigen Überrest muss nicht unbedingt stimmen. Jorge Stofi hat der englischsprachigen Mailingliste vor kurzem ein bemerkenswertes Fundstück mitgeteilt, ein Foto einer alten Handschrift der vietnamesischen Sprache. (Diese Sprache teilt viele Gemeinsamkeiten mit der chinesischen.) Und das sieht doch recht „vertraut“ aus, wenn man den Maßstab europäischer, phonetischer Schriftsysteme daran anlegt.

(Es sieht aber leider nicht so vertraut aus, dass man sofort einen Verwandten des Schriftsystemes im Voynich-Manuskript darin zu erblicken wähnt. Aber es zeigt, dass die „chinesische Theorie“ gar nicht so abwegig sein muss.)

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Wie sich eine Theorie bildet

Freitag, 3. Oktober 2008 21:08

Ich habe vor einigen Tagen eine Mail mit einer in meinen Augen sehr berechtigten Anfrage erhalten. Ein Leser dieses Blogs fragte mich, wie ich auf die von mir postulierten „harmonischen“ Gesetze gekommen wäre. Das ist eine völlig berechtigte Frage, bei der mir sofort aufgefallen ist, dass ich diesen wichtigen Teil meiner Theoriebildung vollständig unterschlagen habe. Es ist gewiss hilfreicher, wenn nicht nur Erkenntnisse publiziert werden, sondern auch der oft sehr steinige Weg, der zu diesen Erkenntnissen geführt hat.

Das erste Mal kam ich auf eine derartige Idee, als ich mich im Jahre 2005 von der Arbeit an den Transkriptionen abwandte und mir die verfügbaren Bilder des Manuskriptes sehr genau anschaute. Ich empfand das „Glyphenzählen“ immer mehr als eine Sackgasse, auf der zwar viele Eigenschaften des „Textes“ deutlich werden, sich aber nicht zu einem Muster fügen, das Licht auf den Inhalt des „Textes“ werfen könnte. Weder gelang es mir, Wortarten zu identifizieren (was nicht verwunderlich wäre, wenn der „Text“ in chinesischer Sprache geschrieben sein sollte), noch gelang mir die sichere Identifikation von Vokalen und Konsonanten (aber sehr wohl ein paar Anhaltspunkte, die jedoch zu viele unaussprechliche „Wörter“ entstehen ließen), noch fand ich einen möglichen Grund für die merkwürdig geringe Redundanz der Glyphenfolge. Es gibt nicht einmal häufige „Wörter“, die auf bestimmte sprachliche Muster oder Phrasen der Sprache des „Textes“ hingedeutet hätten; also keine Fragephrasen wie „Qu‘est-ce que“ oder allgemeine Bestandteile der Sprache wie „Ce sont des“.

(Französisch dient mir hier nur deshalb als Beispiel, weil es sehr reich an solchen sprachlichen Mustern ist, während Deutsch sehr viel variabler in der Wortstellung und in den typischen Ausdrucksformen ist. Ich glaube nicht daran, dass die Sprache des möglichen Klartextes Französisch ist, kann es aber natürlich auch nicht ausschließen.)

Dies alles stellte ich fest, als ich mich mit einer Zeichenfolge beschäftigte, die ganz offenbar nicht stark verschlüsselt sein kann, die sogar viele Merkmale einer Sprache aufweist, die bei einer starken Verschlüsselung verschwänden. Es war wie verhext, und ich fand mich bei meiner Beschäftigung mit dem Manuskript in zunehmender Frustration wieder. Der „Text“ des Manuskriptes ergab keinen Sinn, und immer mehr empfand ich das ganze Buch als etwas, was gar nicht existieren dürfte.

Deshalb wandte ich mich dem zu, was unzweifelhaft vorhanden ist und in der Beinecke-Bibliothek der Universität zu Yale herumliegt und immer noch auf einen wartet, der es lesen könnte: Dem Manuskript in seiner gebieterischen Existenz und seiner unmittelbaren Erscheinung. Ich fing immer mehr damit an, mich mit dem hervorragenden Bildmaterial des Manuskriptes zu beschäftigen und dieses von Neuem auf mich wirken zu lassen.

Dabei fiel mir eine Eigenschaft des Schriftsystemes auf, die so offensichtlich ist, dass man sie leicht übersehen kann. Hier als Beispiel ein kontrastverstärkter Ausschnitt der Seite 85r1, der so weit verkleinert ist, dass sich der Blick von den vielen, verwirrenden Details abwendet und so das Gesamtbild des Schriftsystemes besser aufnimmt:

Ein Ausschnitt der Seite 85r

Was hier (und auf jeder anderen Seite des Manuskriptes) deutlich wird, das sind zwei Erscheinungen, die in dieser Kombination unerwartet sind. Zum Einen wurde beim Schreiben des Manuskriptes sehr schnell und deshalb auch unsauber vorgegangen; der Schreiber hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, mit einem Lineal ein paar Linien vorzuzeichnen. Zum Anderen aber wirkt die Glyphenfolge selbst in der Schlampigkeit dieses Schreibens noch sehr geschwungen, ausgewogen, ästhetisch ansprechend.

Das verwendete Schriftsystem erzeugt also ein „schönes“ Schriftbild, so mein Fehlschluss.

Es war ein Fehlschluss. Es ist völlig ausreichend, einen beliebigen Text in einer beliebigen Sprache mit dem Zeichensatz EVA Hand 1 zu setzen, um zu sehen, dass der ästhetisch ansprechende Eindruck seine Ursache nicht nur im verwendeten Schriftsystem hat:

Dieser Text ist ein Beispiel dafür, dass das Schriftsystem an sich nicht zum harmonischen Eindruck des Manuskriptes führt

Die gesamte, im Manuskript sehr ausgewogene Wirkung des Schriftsystemes wird also zerstört, wenn im gleichen Schriftsystem andere Zeichenfolgen gesetzt werden. Tatsächlich ist das Ergebnis sogar ausgesprochen hässlich, wenn man es mit typischem Voynich-Text vergleicht:

Ein Auszug aus dem Text der Seite 10r, die Zeilenumbrüche stimmen nicht

Der Beispieltext wurde (recht willkürlich) der Seite 10r gemäß der Transkription von Takeshi Takahashi entnommen, die Zeilenumbrüche spiegeln nicht den Stand des Manuskriptes wider. Der ästhetische Unterschied zwischen den beiden Beispielen sollte jedem Menschen unmittelbar auffallen, der auch nur flüchtig hinschaut.

Es gibt also eine Verbindung zwischen dem verwendeten System von Schriftzeichen und dem verwendeten System der Verschlüsselung oder der zugrunde liegenden Sprache. Die Glyphen sind so entworfen, dass der notierte „Text“ ästhetisch ansprechend wird, und dies ist gewiss kein Zufall, sondern eine Absicht des Autors. Bei einem Schreiber, der in seinen Niederschriften sonst so wenig Wert auf das Erscheinungsbild legt, überrascht so eine Einsicht. Und sie reizt dazu, dass man diese Eigenschaft des Manusskriptes etwas genauer untersucht, um sie besser zu verstehen.

Auf diesem Weg kam ich zu meinen „harmonischen“ Gesetzen für die Glyphenfolge, und diese Gesetze werden von 92 Prozent der „Wörter“ im Manuskript erfüllt. Es ist eine weitere Eigenschaft des Textes, die einer Erklärung bedarf – und sei es einfach nur die Erklärung, dass der Wechsel zwischen den i-Glypen und den o-Glyphen eine Bedeutung trägt und dass es sich um zwei alternative, in ihrem Kern gleichermaßen für den Text geeignete Systeme der Niederschrift handele. Der effektive Glyphenvorrat würde sich so nochmals halbieren, ein Großteil des „Textes“ bildete sich aus lediglich 10 unterschiedlichen Zeichen. Das einzelne EVA-Zeichen könnte dann nur noch ungefähr 3 Bit Information enthalten; und da viele EVA-Glyphen wohl nur als Bestandteile komplexer aufgebauter Symbole zu betrachten sind, müsste die Redundanz gar noch etwas größer werden. In der Tat deckt sich diese Vermutung gut mit der tatsächlich beobachtbaren Redundanz der Glyphenfolge.

An den harmonischen Gesetzen ist also noch vieles zu erkunden. Bislang habe ich noch keinen Erfolg versprechenden Ansatz gefunden, aber das Verlassen einer Sackgasse durch die Betrachtung des richtigen Manuskriptes war für mich sehr fühlbar.

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Die hohe Redundanz

Mittwoch, 30. Juli 2008 22:42

Es gibt eine Tatsache, die darauf hindeuten könnte, dass das Voynich-Manuskript eben doch „sinnloses Gestammel“ und damit ein „Fake“ ist. Diese Tatsache ist die hohe Redundanz des Textes, die weder zu einer menschlichen Sprache noch zu einem Code passen will. (Sie würde sehr wohl zu einer musikalischen Notation passen.)

Dieses hohe Maß an Redundanz – oder anders ausgedrückt: dieses geringe Maß in Information in der Glyphenfolge, diese Neigung zu repetitiven Passagen in den „Wörtern“ – muss eine Erklärung finden.  Von allen seltsamen Eigenschaften des Manuskriptes ist es wohl diejenige, die am schwierigsten zu verstehen ist. Das Schreibmaterial ist ja nicht billig gewesen, so dass Sparsamkeit in der belegten Pergamentfläche auch ein wirtschaftlicher Vorteil gewesen wäre; und der zeitliche und psychische Aufwand bei der Anfertigung einer Handschrift würde eher zu einem System von Abkürzungen drängen. Beides würde nahelegen, dass mit einem verhältnismäßig geringem Maß an Redundanz geschrieben wird. In der gebieterischen Wirklichkeit des Manuskriptes ist jedoch das genaue Gegenteil der Fall.

Es ist dies ein Rätsel im Rätsel, das bislang jeder Erklärung trotzt. Dennoch verweist es direkt auf den Kern des Problemes, der Glyphenfolge des Manuskriptes eine Bedeutung zuzuordnen. Beim Mitlesen der englischen Mailingliste – ich nehme daran eher passiv teil und versuche, nur jenes Neue, Bedeutende und Weiterführende dort bekannt zu machen, das sich leider nicht jeden Tag findet – habe ich den Eindruck, dass die Redundanz im Manuskripte von beinahe allen aktiven Forschern ignoriert wird, wenn sie ihre Hypothesen bilden.

Tatsächlich gibt es nur genau drei Möglichkeiten, wie es zu der hohen Redundanz kommen konnte, wenn man nicht von einer „Fälschung“ ausgeht:

Der Code (oder die Sprache) ist so redundant – Wenn diese Hypothese zutrifft, muss man sich auf eine verhältnismäßig kurze Gesamtnachricht des Manuskriptes einstellen. Eine Seite des Manuskriptes vermittelt denn vermutlich nur eine einzige Bedeutungseinheit, die den ungefähren Inhalt eines Satzes hat. Die große Weitschweifigkeit wurde bewusst eingesetzt, um einen relativ kurzen oder zu seiner Zeit gesellschaftlich brisanten Inhalt so zu verbergen, dass alle Ansätze des Lesens durch einen Nicht-Eingeweihten scheitern müssen. Und das ist dem Code bis heute gelungen, bis ins Zeitalter der computergestützten Kryptanalyse.

Die Redundanz ist nur eine scheinbare – Wenn man hochauflösende Bilder des Manuskriptes betrachtet, fallen einem schnell gewisse Variationen in bestimmten Glyphen auf. Die bislang üblichen Transkriptionen haben diese Variationen unter einem Code zusammengefasst. Was sich etwa in EVA als sh transkribiert, ist eine durchaus große Fülle von Abweichungen des Bogens über den beiden verbundenen e-Glypen, und auch die e-Glyphen selbst entsprechen nicht immer der Standardform. Die Frage, ob sich eine geringere Redundanz zeigt, wenn solche scheinbaren Kleinigkeiten in Betracht gezogen werden, ist durchaus einer ernsthaften Untersuchung würdig. Allerdings würden die Chancen auf eine Entzifferung sehr sinken, wenn sich die Subtilitäten des Schriftbildes als bedeutungstragend erweisen sollten. Der Erhaltungszustand des Manuskriptes ist doch eher bescheiden, es lassen sich die Spuren von mindestens zwei Restaurationen erkennen, von denen mindestens eine offenbar ohne Kenntnis des Schriftsystemes beim Restaurator durchgeführt wurde. Dabei wäre dann gewiss auch Information verloren gegangen. Das Scheitern der heutigen Leseversuche spiegelt den Informationsverlust in der Vergangenheit wider, und ohne großen Aufwand in der physikalischen Untersuchung des Manuskriptes werden die verlorenen Informationen wohl nicht mehr ans Licht kommen.

Es handelt sich nicht um eine Notation gewöhnlicher Sprache – Eine musikalische Notation (immer noch eine meiner Lieblingshypothesen, für deren Beleg ich bislang viel zu wenig getan habe) könnte durchaus eine hohe Redundanz aufweisen. Sie würde auch die leicht beobachtbaren Harmonieregeln bei der Bildung der „Wörter“ ein wenig erklären, ebenso wie auch das Scheitern des bisherigen Ansätze zur Entzifferung verständlich würde. Unerklärt blieben hierbei allerdings die Bedeutung der „Labels“ zu Illustrationen im Manuskripte und der Bezug der Illustrationen zu einem dann bestehenden musikalischen Kontext.

Tatsächlich denke ich jedes Mal, wenn ich etwas mit hoher Redundanz sehe, sofort an das Voynich-Manuskript. Allerdings gibt es „Mitteilungen“ vergleichbarer Redundanz beinahe nur in gewissen Formen der Spam; dort wird des Öfteren mit Hilfe von Software so genannte „Spamprosa“ aus anderen Texten im Internet erzeugt, um die Filterung der Inhalte durch Spamfilter auszutricksen. So viel dürfte allerdings gesichert sein: Weder hatte der Autor des Manuskriptes einen Computer zur Verfügung, noch hatte er die Absicht, Spam hinter Pseudomitteilungen zu verstecken.

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f3v: Traumgewächse

Montag, 19. Mai 2008 14:34

Mehr zur Seite f3vMan muss gar nicht so lange in das Manuskript schauen, um zu der Überzeugung zu kommen, dass die darin dargestellten „Pflanzen“ wirklich surreal sind und eher einer Traumwelt entspringen. Schon die sechste Seite macht auf dem ersten Blick klar, dass es zumindest einige „Pflanzen“ des Manuskriptes gar nicht in der Realität geben kann. Der Versuch, durch eine Identifikation der „Pflanzen“ einen Ansatzpunkt für eine Entschlüsselung des Textes zu bekommen, ist zum Scheitern verurteilt.

Das heißt allerdings nicht, dass ich es nicht auch versucht hätte. Eine Zeitlang habe ich mir gesagt, dass diese Pflanzen vermutlich stark stilisiert gezeichnet wurden und deshalb nicht ganz so leicht zu identifizieren sind, dass es aber dennoch möglich sein könnte. Immerhin verspricht die Analyse der dargestellten botanischen Erscheinungen auch einen Weg, den Ort zu finden, an dem dieses Buch geschrieben wurde – und gibt damit eventuell einen wichtigen Fingerzeig auf die darin verwendete Sprache. Leider ist dieser Weg nicht gangbar, weil diese „Pflanzen“ nirgends auf der Erde wachsen.

Das wird auf Seite f3v recht deutlich.

Ein Blatt der Pflanze auf Seite f3vSchon die Form der Blätter ist auffällig. Sie ist so auffällig, dass eine ähnliche Pflanze in der botanischen Wirklichkeit sofort identifiziert werden sollte.

Was einem auf dieser Seite als Blatt einer „Pflanze“ entgegentritt, erinnert eher an die Karikatur eines Frosches als an ein Organ zur Photosynthese. Da scheinen zwei Beine zu sein, zwei Arme, ein Körper und ein seltsam deformierter Kopf. Selbst bei einer abstrakten Stilisierung einer Pflanze in einem Buch würde doch die Form der wesentlichen Gestaltmerkmale erhalten bleiben.

Aber nicht nur die Blätter sorgen für Zweifel an der botanischen Realität der Pflanze, auch die Wurzel macht einen unwirklichen Eindruck.

Die Wurzel der Pflanze von f3v

Diese Wurzel erweckt den Eindruck mehrerer aufeinandergesteckter Wurzelteile. Am oberen Ende eines solchen Teiles scheint jeweils eine „Plattform“ zu sein, aus der die nächste Wurzel entsprießt.

Die Blüte der Pflanze von Seite f3vVöllig sicher scheint jedoch der surreale Charakter der Pflanzen zu sein, wenn man sich einige Blüten anschaut.

Diese Blüte erweckt nicht den Anschein eines pflanzlichen Organes zur Fortpflanzung. Es scheint sich um einen großen, fleischigen Körper zu handeln, der an einem Ende wie aufgeschnitten wirkt. In diesem Ende befinden sich einige nicht besonders deutlich gezeichnete Elemente, die nicht an Fruchtknoten oder Staubgefäße erinnern, sondern eher an unscheinbare Blüten in einer Scheinblüte. Umrahmt wird dieses Angebot an bestäubende Insekten von einem Kranz farbloser Kronblätter, die im Rahmen einer Scheinblüte wenig Signalwirkung entfalten könnten. Es ist eine biologisch sinnlose Blüte.

Auch wenn eine geographische Lokalisierung an Hand solcher „Pflanzen“ zum Scheitern verurteilt ist, bleibt der eingangs geäußerte Gedanke vollgültig. Es ist immer noch möglich, an Hand dieser Gewächse einen Ort zu finden, an welchem dieses Manuskript wahrscheinlich entstanden ist. Das Wort „wahrscheinlich“ meint hier allerdings nur, dass dieser Schluss wahr zu sein scheint, es ist keine sichere Aussage. Alle diese (oder doch sehr viele dieser) Pfanzen wachsen in der Fantasie eines menschlichen Geistes und nirgendwo auf der Erde. Es sind Traumgewächse.

Das könnte durchaus auch ein Hinweis darauf sein, dass die geschriebenen Teile des Manuskriptes den gleichen Ursprung haben, Trauminhalte sein könnten, die in einer Traumsprache verfasst sind. Jeder Versuch, einen gewöhnlichen sprachlichen Text in diesem Buch zu finden, wäre dann zum Scheitern verurteilt. Die reflektierten Leistungen des wachen Bewusstseins unterscheiden sich nun einmal deutlich von den unbewussten Leistungen des Traumes, der zwar ein vollwertiger, aber doch im Wesentlichen regressiver und ältere Schichten der Psyche offen legender psychischer Akt ist. Natürlich ist dieser Akt dennoch kein strukturloses Rauschen, und er könnte durchaus die im Voynich-Manuskript beobachteten Strukturen hervorbringen. (Über die Strukturen muss ich demnächst einmal einen längeren Text verfassen.)

Das kollektive Scheitern aller wissenschaftlichen Kryptografie der Neuzeit mit ihrer computergestützen Analyse könnte durchaus als ein weiteres Indiz für diese Hypothese aufgefasst werden. Natürlich bedeutet das nicht, dass das Manuskript nicht doch einem Verständnis zugänglich wäre, es ist nur eher etwas für mutige Psychologen als für „harte“ Wissenschaftler. Allerdings habe ich noch keine Idee, wie in dieser Richtung geforscht werden könnte und welchen Beitrag ich dazu leisten könnte. Selbst in einer solchen Forschung wären mir „harte“ Daten und reproduzierbare Ergebnisse wichtig.

Und denn gibt es natürlich noch einen psychischen Akt, der dem des Träumens mehr als nur oberflächlich verwandt ist: Das Schaffen von Kunst. Es ist durchaus möglich, dass das Voynich-Manuskript „nur“ ein zugegebenermaßen recht ungewöhnliches Kunstwerk ist, das keine Nachricht im Sinn einer Sprache transportieren soll. Auch dann würden alle Ansätze scheitern, einen „Sinn“ in diesem „Text“ zu finden.

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Wie klingt das Manuskript?

Samstag, 23. Februar 2008 19:03

Ich vertrete ja schon länger die These, dass einer der Gründe, weshalb das Voynich-Manuskript jedem Versuch trotzt, ihm einen ursprünglichen Text zu entreißen, darin liegt, dass es gar keinen „Text“ im gewöhnlichen Sinne des Wortes geben könnte. Eine meiner frühen Ideen, die ich niemals weiter verfogte, war, dass es sich um eine Form der musikalischen Notation handeln könne; diese könnte durchaus starke Muster und Regelmäßigkeiten aufweisen. Auch könnten sich auf durch diese These die momentan noch rätselhaften zwei „Sprachen“ im Manuskript erklären, sie wären schlicht die beiden Tongeschlechter Dur und Moll.

Nun hat Berj Ensanian ein erstes Experiment angestellt, das Manuskript als Musik zu interpretieren und seine Ergebnisse der englischen Mailingliste und auf seiner Website mitgeteilt. Die folgende, auszugsweise Übelsetzung seiner Mitteilung in der Mailingliste ist von mir, die Links auf erläuterndes Material habe ebenfalls ich hinzugefügt:

Ich zwei  Audiodateien im MP3-Format zum Download und Anhören zur Verfügung gestellt. Du kannst diesen Audiodateien lauschen und sie mit den ersten Absätzen der Seite f20r des Manuskriptes (ein pflanzenkundlicher Text in Currier-Sprache A) und der Seite f95r2 (pflanzenkundlich in Currier-Sprache B) vergleichen. Es handelt sich um eine experimentelle Transkription in Musik. Jedes Stück dauert ungefähr eine Minute. Eine vollständige, in die Einzelheiten gehende Beschreibung dieser Übertragung und der Einschränkungen dieses Experimentes sind verfügbar.  […]

Der präzise Bericht erläutert die Vorgehensweise recht ausführlich. Interessant ist des abschließende Urteil über den Höreindruck (die Übelsetzung ist wieder von mir, die direkten Links auf die MP3-Dateien sind meine Ergänzung):

[…] Und schließlich ein paar Eindrücke von der Gegenüberstellung von f20r mit f95r2: Die Umsetzung von f20r hört sich für meine Ohren erstaunlich gut an. Ich wäre nicht überrascht, so etwas zu hören, wenn jemand entspannt auf seinem Klavier improvisiert. Allerdings klingt die Umsetzung von f95r2 für mich sehr anders. Im Gegensatz zu f20r scheinen sich dort die Zeilen stärker voneinander zu unterscheiden. Vielleicht sind die Zeilen in f95r2 in alternierenden Schreibrichtungen [engl. Wort hier: „boustrophedon“, meine Anmerkung] geschrieben, so dass ihre Musik besser klingt, wenn man das berücksichtigt – ich werde das noch untersuchen. So wie ich es transkribiert habe, ist der Höreindruck zwar nicht schrecklich, aber die musikalische Umsetzung der Seite f95r2 erinnert mich an zufällige Einsprengsel von Daten in einen digitalen Datenstrom, was zuweilen eine Kakophonie ergibt. Verglichen mit f20r, klingt in f95r2 weniger ein musikalisches Thema, weniger innere Ordnung, es klingt ein bisschen, als würde ein unerfahrener Musiker versuchen, ein Stück zu komponieren, dessen Komplexität seine Fähigkeiten übersteigt. Im Gegensatz dazu klingt die Currier-Sprache A der Seite f20r so, als wäre sie von einem verbindenden musikalischen Thema getragen. Vielleicht ist es dieses Muster, das zu der Erwägung führt, dass die Currier-Sprache A näher bei den Mustern einer natürlichen Sprache liegt als die Currier-Sprache B.

Ein wirklich hochinteressantes Experiment.

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