Die Karten auf den Tisch

Eine »weitere Lösung« des Voynich-Rätsels, aber dieses Mal eine, die mit einer ausführlichen Beschreibung der Methodik veröffentlicht wird: Voynich Manuscipt Decrypted.

Die Beschreibung des Verfahrens kommt zwar nach einer etwas reißerischen Website (»Das Spiel ist vorbei, die Karten auf den Tisch!«), aber immerhin wird hier ja auch die Lösung eines sehr großen Rätsels angeboten. Wer jetzt aber glaubt, dass hier ein lesbarer Text in lateinischen Buchstaben veröffentlicht wurde, der täuscht sich. Vielmehr wird in großer Ausführlichkeit ein Verfahren beschrieben, das Zeichenfolgen im Stile des Voynich-Manuskriptes mit Hilfe einer relativ einfachen Methode erstellt. Dabei entstehen viele der bekannten Besonderheiten der Glyphenfolge von allein, und auch die Existenz der beiden Currier-Sprachen erklärt sich von allein daraus, dass bei der Anwendung des Verfahrens große Freiheiten bleiben.

Ein sinnvoller Text konnte dem Manuskript nicht entrissen werden. Vielmehr kommt Claude Martin zu einem sehr ernüchternden Schluss (die Übel-Setzung aus dem Englischen ist von mir):

Wie wir festgestellt haben, enthält der Voynich-Text nur unsortierte Zahlenfolgen, die immer wieder in ihre nummerische Ordnung gebracht werden können.

Diese Analyse wurde an verschiedenen Stellen des Manuskriptes durchgeführt, ohne dass dabei eine Spur eines bedeutungstragenden Textes entdeckt wurde.

Wir wissen auch, dass vorrübergehende Notizen angefertigt werden mussten, die zu einem späteren Zeitpunkt in anderer Reihenfolge transkribiert wurden, um eine verschlüsselte Folge zu mischen. Allein dieser Vorgang erfordert moderne Werkzeuge der Abschrift, die billiger und einfacher zu verwenden sind als die Tinten, Federn und Pergamente, die im Mittelalter in Gebrauch waren.

Darüber hinaus scheint die hier analyiserte Methode der Verschlüsselung nicht in Übereinstimmung mit den Methoden zu stehen, die im Mittelalter angewendet wurden, also in der Zeit, in der Trithème, Vigenère, Cadan oder Roger Bacon lebten. […]

Das Voynich-Manuskript ist eine vergleichsweise moderne Erfindung. Es enthält einen gefälschten Text, hergestellt mit Hilfe eines nummerischen Systemes zur Inhaltserstellung.

Diese Feststellungen finden einen gewissen Abschluss in der mutmaßenden Frage, ob man Wilfrid Voynich der Fälschung des Manuskriptes verdächtigen könne.

So, nach dieser Mitteilung muss ich aber wieder in Ruhe lesen, ob ich das Verfahren nachvollziehen kann und mit seiner Hilfe Texte produzieren kann, die signifikante Ähnlichkeiten zur Glyphenfolge des Manuskriptes haben. (Das ist der Vorteil, wenn jemand seine Verfahren genau beschreibt: Man kann sie überprüfen.) Ich wünsche mir allerdings, dass ich doch noch Spuren bedeutungsvollen Textes finde…

Erster Nachtrag: Nach kurzen Nachdenken halte ich es durchaus für möglich, dass hier ein Zirkelschluss vorliegt. Natürlich kann man sich eine Methode ausdenken, die Glyphenfolge in Zahlen zu übertragen, daraufhin die Lösung ankündigen und feststellen, dass es sich um einen inhaltslosen Text handelt, der ja nur aus Zahlen besteht. Was hier allerdings aufmerksam macht, ist die Verteilung der Zahlen: Es waren in den untersuchten Textfragmenten stets aufeinanderfolgende Zahlen auf einer Seite, die in verwürfelter Reihenfolge notiert wurden.

Zweiter Nachtrag: Ich wollte es eigentlich glatt formulieren, aber jetzt ist aus meinen Nachbetrachtungen ein Kommentar zu diesem Beitrag geworden.

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Datum: Freitag, 12. Oktober 2007 23:03
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7 Kommentare

  1. 1

    Die Seite ist hübsch gemacht, da hat jemand Arbeit investiert!

    Trotzdem – nachdem ich so lange bei Dir mitgelesen habe, kann ich nicht glauben, dass das große Rätsel so eine triviale Lösung hat. Deine Analysen gefallen mir sehr, Dein sensibler Umgang mit der Materie. Ich freue mich immer, wenn Du neue Ansätze veröffentlichst.

    Vielleicht hast Du ja mal Zeit, die Lösung von »voynich.info« so zu erklären, dass auch sporadische Leser wie ich den Ansatz verstehen können. Es würde mich freuen.

    Für mich ist das Rätsel noch lange nicht gelöst.

  2. 2

    Nicht einfach, kurz zu erklären, was Claude Martin da eigentlich macht.
    (Vor allem müßte man es selber erstmal verstanden haben…)

    Im Prinzip kodiert er pro Voynich-«Wort« eine Zahl aus einer kleinen Handvoll (sagen wir 26 verschiedene kleine Zahlen, die für die Buchstaben des lateinischen Alphabets stehen).
    Ein Buchstabe Klartext ergibt demnach ein »Wort« an Code.

    Die Umwandlung von Zahl zu Voynich-Wort erfolgt ziemlich wahlfrei über ein Schema, daß einen zusätzlichen Schlüssel vorraussetzt.
    Der Schlüssel muß nun so beschaffen sein, daß man eine Zahl (zwischen 1 und 26) auf hunderte verschiedene Arten kodieren kann, es aber immer automatisch wie ein typisches Voynich-Wort aussieht.

    Diesen Beweis bleibt der Autor mE schuldig. Er erzeugt in seinen Beispielen sogar Worte (und andere statistische »Fingerabdrücke«, die man so wohl niemals im Voynich-MS finden wird (ich wettte, nichtmal in den fehlenden Folios).
    Wer sie findet, darf sie behalten.
    Das kann heißen, das man an dem Schlüssel noch ein wenig feilen muß. Es kann aber auch einfach eine falsche Spur sein. Spätestens
    in Kapitel 1.4.9, wo Claude vermutet, der Schlüssel müsse in jeder Zeile gewechselt werden, wird es völlig willkürlich.

    (Was der Teil in Kapitel 1.6 soll, wo er die Zahlen in numerische Reihenfolge bringt, ist mir aber völlig schleierhaft.)

  3. 3

    Ah ja, mit der Reihenfolge will er zeigen, daß man Ketten von lückenlosen Zahlenreihen mit bis zu 29 Zahlen erzeugen kann.
    Das ist dann schon recht beeindruckend (in Kapitel 3.8.1) – doch wenn man bedenkt, daß er den Schlüssel explizit für diese Seite anpassen konnte, und es dennoch nicht geschafft hat, auch die 30ste Zahl noch unterzubringen … andererseits steht diese Spezialzahl an besonderer Position, nämlich ganz unten … also der Ansatz ist schon sehr spannend.
    Man müßte halt untersuchen, ob diese Methode auch bei wahlfreien anderen Texten funktioniert, oder ob sie hier tatsächlich etwas ungewöhnliches hevorbringt.
    Leider sagt mir mein mathematischer Instinkt, daß ersteres wahrscheinlicher sein dürfte.

  4. 4

    Das größte Problem ist die reißerische Ankündigung einer Lösung, obwohl nur eine weitere Eigenschaft entdeckt wurde – und bei den vielen Annahmen, die nicht so richtig begründet werden, kann man sich sogar fragen, ob da wirklich eine Eigenschaft des Manuskriptes oder nicht vielmehr eine Eigenschaft in der Betrachtung des »Entdeckers« entdeckt wurde.

    Der dort vorliegende Lösungsversuch kann mich nach etwas Nachdenken auch nicht mehr befriedigen, da er zu viele gesicherte Eigenschaften des Textes ungeklärt lässt. Gezeigt wird zwar, dass sich der Text einer Seite bei einer bestimmten Betrachtung als durchmischte aufsteigende Zahlenfolge deuten lässt, was zunächst interessant klingt. Es klingt sogar so interessant, dass es mich im ersten Moment ein wenig verblendet hat…

    Aber zum Glück habe ich mich doch noch erinnert. Es gibt gesicherte Strukturen innerhalb jeder Zeile, die überlagert von Strukturen in der Seite sind. Diese sind schon von Currier entdeckt worden und statistisch eben so wenig von der Hand zu weisen wie die zwei »Sprachen«. Diese belegbaren Eigenschaften des Textes – was immer sie auch bedeuten mögen – bleiben völlig ungeklärt.

    Es wirkt sogar ein bisschen rätselhaft, wieso die Strukturen innerhalb der Seite entstehen sollten, wenn die nummerische Reihenfolge vor der endgültigen Übertragung auf das Pergament durchgemischt wird. Es ist zwar möglich, dass hier sinnlose Zahlen codiert werden, aber die Strukturen müssten dann in einem weiteren Schritt entstanden sein, bei dem sowohl die Zeilen als auch die »Wörter« innerhalb der Zeilen nach einem recht schwer beherrschbaren Schema sortiert wurden. Und das erscheint mir für das Werk eines Schwindlers übertrieben aufwändig – eine zufällig Anordnung hätte mit weniger Mühe den gleichen Zweck erfüllt.

    Auch Wilfrid Voynich hätte – als zeitlich spätester möglicher Fälscher – nicht absehen können, dass solche Eigenschaften irgendwann einmal durch computergestützte Analysen offenbar werden müssten. Warum hätte er also solche Feinstrukturen mit relativ hohem Aufwand erzeugen sollen?

    Selbst wenn diese »Lösung« wenigstens eine neue Eigenschaft unseres »Lieblingsbuches« gefunden hat, so hat sie doch noch lange nicht bewiesen, dass es inhaltsleer ist. Ganz im Gegenteil, es ist so, wie ich es von Informationen zum Manuskript gewohnt bin, das Rätsel ist eher noch schwieriger geworden. Und das ist leider nichts neues… ;-)

    Ich komme im Moment leider zu Nichts – kann nicht mal jemand diesen Kommentar in seinen wesentlichen Gedanken auf Englisch formulieren und in die englische Mailingliste posten?

  5. 5

    Eine Entstehung nach 1660 schließe ich eigentlich 99%ig aus, da liegt mein Hauptproblem mit Claudes Methode.
    Zwar hatte man langezeit nur den Marci-Brief, den Voynich im MS fand, doch die Funde nach Voynichs Tod in Marcis Hinterlassenschaft bezeugen die Echtheit (oder die Machenschaft eines kolossalen Fälschers ala Kujai).

    Ansonsten ist sein Prinzip sehr interessant – egal, ob ich bei der Überprüfung mehr über Mathematik oder über das Skript lerne. ;)

  6. 6

    p.s.: Claude hat offenbar die nötigen Programme entwickelt, um zu verschiedenen Text-Seiten (oder Zeilen) die »passenden« Schlüssel zu finden.
    Ein ganz einfacher Test seiner Methode wäre dann, ihm eine Pseudoseite mit 20 oder 30 Voynich-Wörtern zu geben, die wahlfrei zusammengesucht sind, ohne Regel oder Reihenfolge. Sie müssen noch nichtmal »echt« sein, sondern nur echt aussehen. Ein spekulatives Folio 74, sozusagen – Steinbock oder Wassermann.)

    Wenn er dieses f74 in sein Programm füttert, und auch dann noch einen möglichen Schlüssel erhält, war seine ganze Arbeit für die Katz. Deshalb wird er womöglich kein sonderliches Interesse an diesem Test haben …

  7. 7

    […] Das Voynich-Blog Begegnungen mit dem Voynich-Manuskript « Die Karten auf den Tisch […]

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