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Zu den Pflanzen im Manuskript

Donnerstag, 4. Mai 2006 15:40

Dieser Text wurde ursprünglich von mir auf der deutschsprachigen Mailing-Liste geschrieben, aber da die Frage der Identifikation der abgebildeten »Pflanzen« auch von allgemeinerem Interesse sein könnte, wird er hier nochmals wiederholt.

Das mit den »Pflanzen« ist so eine Sache. Einige der »Pflanzen« sehen sehr vertraut aus. Auf Seite f2v findet sich die Abbildung einer an sich typischen Wasserpflanze mit einem Schwimmblatt, und selbst die Blütenform erstaunt (anders als viele andere Blüten aus dem VMs) nicht wirklich. Die »Pflanze« auf Seite f1v könnte eine Tollkirsche darstellen, wenn man die alternierenden Farben der Blätter ignoriert. Ein Gewächs wie auf Seite f20r würde mir auf einer ungemähten grünen Wiese gewiss nicht weiter auffallen, und auch die Pflanzen der Seiten f87v oder f90v2 zeigen keine fremdartigen, unmöglich wirkenden Merkmale.

Aber dann stolpert man über ganz andere »Pflanzen« in diesem Manuskript…

Auf Seite f11r werden drei eng zusammenstehende Stängel mit jeweils einer eigenen Wurzel abgebildet, die so etwas wie ein dichtes, von zierlichen Blüten durchsetztes Blattwerk formen. Es handelt sich also um drei verschiedene Individuuen einer Gattung — aber jeweils zwei von ihnen teilen sich ein gemeinsames Blatt, und der Zeichner hat sich alle Mühe gegeben, dass dieser Fakt sehr auffällig wird — es scheint sich also um etwas Wesentliches in der Botschaft dieser Zeichnung zu handeln.

Die Blatt- und Blütenform der Pflanze auf Seite f16v erscheint mir annähernd unmöglich. Hier sieht man auch sehr schön ein Merkmal vieler »Pflanzen« im VMs, die aussehen, als seien sie auf ihre Wurzel »aufgesteckt«. Am deutlichsten ist dieses Merkmal in den Zeichnungen der Seiten f39v und f95r2 hervorgehoben.

Auf Seite f31v findet sich eine bemerkenswert asymetrisch wachsende »Pflanze« — nicht, dass so etwas völlig unmöglich ist, es gibt einige Pflanzen, die ihre Blätter geographisch ausrichten, um die Verdunstung zu reduzieren (indem der Mittagssonne wenig Angriffsfläche gegeben wird; man nennt solche Pflanzen übrigens Kompasspflanzen), aber eine derart ausgeprägte Asymetrie sollte sofort ins Auge fallen. Im VMs gibt es solche »einseitig ausgerichteten Pflanzen« allerdings etwas häufiger, zum Beispiel auch auf Seite f46r.

In diesem Museum absurd anmutender Gestaltmerkmale von »Pflanzen« könnten die »Wurzelgesichter« auf Seite f33r vielleicht noch als metaphorische Darstellungen verstanden werden. Die beiden zur Blüte zusammenwachsenden Stängel auf Seite f40v, die Wurzelschleifen der Seiten f52r und f90r2 oder die Stängelschleife auf Seite f5v sind hingegen wohl kaum als Abbildungen einer biologischen Wirklichkeit zu verstehen. Ich bin mir relativ sicher, dass ein Teil der Pflanzen des VMs niemals identifiziert werden wird, weil sie einfach nicht auf der Erde wachsen.

Das Manuskript macht es mir (und anderen) allerdings nicht so einfach, dass sämtliche Pflanzen durch ihre Unmöglichkeit und mutmaßliche Nichtexistenz ausgezeichnet sind, und über eine Identifikation der Pflanze auf Seite f9v wäre ich nicht überrascht.

Die meisten Menschen, die mit dem VMs konfrontiert sind, scheinen nach einem Konzept zur Beschreibung des gesamten Manuskriptes zu suchen. Sie können offenbar nicht damit leben, dass einige Pflanzen reale Vorbilder haben, während andere offensichtlich unmöglich sind. Und so suchen sie dann entweder alle Pflanzen für »nicht identifizierbar« auszugeben oder eben alle Pflanzen für Abbilder wirklicher botanischer Gegebenheit zu halten. An beiden Versuchen kann man verzweifeln.

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